Joachim Adolphi

Struktur als Protokoll des Werdens


4. Strukturen im Menschenleben

Was hat das menschliche Leben mit „Strukturen“ zu tun? Natürlich gibt es überall welche, erst recht, wo „Ordnung“ herrscht. „Du musst Dein Leben, Deinen Alltag besser strukturieren!“ Man meint damit, Ordnung hineinzubringen.

Im Sinne dieser Abhandlung geht es aber nicht um triviale Strukturierung, sondern um die Frage, ob es a priori eine Beziehung zur „Struktur“ gibt. Begeben wir uns also auf das Glatteis der Ästhetik und der Kunst, um dieser Frage nachzugehen, und lassen wir den Vergleich mit den Tieren (siehe entsprechenden Abschnitt) nicht außer Acht!

Zweierlei fällt auf den ersten Blick auf:

– Die bildenden Künstler haben es intuitiv zu erforschen versucht, was man alles zum Beispiel beim Zeichnen weglassen kann, ohne dass das Erkennen eines Menschengesichts verloren geht. Wir stellen also fest, dass wir offensichtlich wenig „Fakten“ benötigen, um einerseits die Stimmung eines unbekannten Menschen „lesen“ zu können oder andererseits einen bestimmten Menschen unter Tausenden wiederzuerkennen. Die Karikaturisten lehren uns außerdem, dass wir sogar in völlig unnatürlichen Gesichtsformen Stimmungen lesen lernen können. Und die Aktivisten der Bilderkennung sind inzwischen so weit, dass sie aus wenigen biometrischen Daten zweifelsfrei Gesichter aus der Masse zuordnen können.

– Auch Menschen ohne mathematische Ausbildung sind in der Lage, „ästhetische“ Formen oder Bewegungen zu unterscheiden und sie „elegant“ zu nennen, wobei diese eigentlich nur einem mathematischen oder physikalischen Minimalprinzip unterliegen, wenn man höhere räumliche oder zeitliche Ableitungen zugrunde legt. (Deshalb können auch Tiere das intuitiv unterscheiden und ihr Verhalten danach einrichten!)

Es wäre somit interessant, diese Minimalprinzipe im Zusammenhang mit der Ästhetik zu untersuchen. Das geht nicht anders als im Bezug zur Psychologie und führt natürlich am Ende zu gesellschaftlichen Fragen und also zur Kultur und ihrer komplexesten Form, der Politik.

Kleiner Vorgeschmack gefällig?

Es gibt keine Kultur ohne Kommunikation. Zur Zeit erleben wir eine Kulturrevolution, die von einer Kommunikationsrevolution herrührt: Wir kommunizieren freiwillig mit vielen zwar personalisierten, aber nicht anwesenden Partnern und müssen unfreiwillig gleichzeitig mit vielen zwar unpersonalisierten, aber anwesenden Partnern kommunizieren, sofern wir uns im öffentlichen Raum bewegen. Darunter leidet automatisch das, was man altmodisch unter „Höflichkeit“ verstand: Rücksichtsvolles Verhalten inclusive Ankündigung beabsichtigter Verhaltensänderung wie Blinken vor dem Abbiegen mit dem Fahrzeug oder Blickkontakt vor dem Ausweichen auf dem Fußweg oder freiwilliger Verzicht auf das Stehenbleiben auf Kreuzungen (Kino-Ausgang oder Skiloipen-Kreuzung auf einer Abfahrt) oder gar Verzicht auf das gesetzwidrige Wenden von Fahrzeugen auf Kreuzungen usw. usf. Es ist „uncool“ im Sinne falsch verstandenen Liberalismus‘ geworden, Rücksicht zu nehmen und damit dem Kantschen Kategorischen Imperativ zu folgen. Subjektiv wird das sicher wie eine überfällige Befreiung von einer persönlichen Einschränkung durch moralischen Druck empfunden, sozial aber würde es wie eine massenhafte Vereinsamung mitten in der Großstadt wirken, gäbe es da nicht die neuen Fernkommunikationskanäle, die somit Ursache und Scheinlösung des Konflikts in einem sind. (Und: Es wäre spannend, soziologische Voraussagen zu wagen, wie automatisierte Fahrzeuge die brandneuen Kommunikations-Konflikte zwischen Navifahrern und Nichtnavifahrern – unkonzentriert panische Spurwechsel ersterer ohne Chance auf höfliche Ankündigung – lösen werden.) So, wie die mechanischen Maschinen zum Erschlaffen der menschlichen Muskulatur geführt haben und schließlich die Muskeltraining-Fitness-Klubs ermöglichten, warten wir nun auf die Hirntraining-Fitness-Klubs, die durch die intelligenten Maschinen erforderlich geworden sind. Die ersten Angebote im Netz sind schon da! Sie werden aber nur von denen genutzt, die intelligent genug sind, ihren eigenen Mangel zu erkennen…

Da inzwischen der durch die „Nachrichten“ bekannte und umgefallene Sack im Fernen Osten wichtiger geworden ist als die unbekannte und umgefallene alte Frau in der Nachbarwohnung, sind wir alle von Jahr zu Jahr leichter manipulierbar geworden, obwohl wir uns immer „objektiver informiert“ fühlen. Obwohl wir weder das Auto noch die Kaffeemaschine selber reparieren können, aber alle Rufnunmmern aller Services gespeichert haben (und alle Monatspauschalen im voraus bezahlt haben), fühlen wir uns mächtiger und potenter als je zuvor. Statt Muskeln haben wir Gaspedal und Sounddesign, statt Hirn einen Mikrochip und statt sozialer Kontakte zur physischen Umwelt „social media“-Kontakte zur virtuellen Umwelt. Wir werden durch Roboter ersetzbar sein, die sich genausowenig gegenseitig brauchen wie wir das von uns glauben.

Wir ahnen das und protestieren gegen das Gesetzmäßige, indem wir uns einen unangepassten Rüpel zum Kopf der Gesellschaft wünschen oder eine treu sorgende Mutti. Wir merken nicht, dass das eigentlich Sehnsucht nach der „guten alten“ Zeit ist. Aber was wirklich eine konstruktive Alternative zu den erstarrten politischen Strukturen bietet, das ist der Wunsch, möglichst viele Abgeordnete direkt aus dem Volk (also „unerfahrene“) zu wählen. In der Endkonsequenz hieße das, auf das Parteien-Wahlgetümmel mit all seinen Lügen und Kosten ganz zu verzichten und den Computer eine repräsentative Bevölkerungsmischung in den Parlamenten erzeugen zu lassen. Parteien wären dann überflüssig. Außerparlamentarische Projekt-Gruppen sind erfahrungsgemäß in der Lage, Themen in die Öffentlichkeit zu bringen, wie es die Grünen bewiesen haben. Ist das Projekt erfolgreich abgeschlossen, lösen sich die Gruppen (im Unterschied zu den Grünen, die das Parteivermögen nun erhalten müssen) wieder auf. Bei den Gerichten gibt es das schon mit den Laien-Schöffen. Brauchen sie Rat, gibt es bestallte Gutachter und Experten. Das ginge auch in der stochastisch ermittelten Legislative, die außerdem noch die erfahrene Verwaltung unter sich hat.

Die sogenannte „digitale Revolution“, die neue Kommunikationsgewohnheiten erzeugt, wird noch viele „Strukturen“ des menschlichen Zusammenlebens auf den Prüfstand stellen.

Das Zusammenleben besteht, was man auf den ersten Blick gar nicht vermutet, aus zweierlei: Zusammenleben mit sich selbst und Zusammenleben mit den anderen. Das erste ist beim Menschen anders als bei anderen Wesen, weil er nicht nur erstens ein Herdentier (wie andere Tiere auch entwickeln wir Kultur im Umgang untereinander innerhalb und außerhalb der Herde) ist, sondern zweitens durch Selbstspiegelung in Subjekt und Objekt unterteilt ist. Das ist unsere Chance und unser Fluch. Die weisen Alten haben uns die Begriffe Gott und Teufel zur Verfügung gestellt, um mit den Folgen dieser Spaltung umzugehen zu lernen (und haben damit eine dritte Ebene eingeführt: das von oben betrachtende Gewissen [„Über-Ich“], das auf den Umgang des Bewussten [„Ich“] mit dem Unbewussten [„Es“] achtet). Ein weites Feld, das weiter unten spezifiziert werden soll…

Das weiteste Feld aber ist die „Kultur“. Ihre Beziehungen zur Politik und zur Staatsform, insbesondere zur Demokratie, sowie zur Wirtschaftsform wird am Ende betrachtet werden.

(letzte Änderung: 22.04.2018)

 

 

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Kommentare

Anne H. am Mittwoch, 24. Oktober 2018:

Für mich sind Strukturen Wachstumslinien, die sich im Laufe der Zeit herausbilden und sich verfestigt haben, die man im Vergangenen erkennen und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit für die Zukunft (für eine bemessene Zeitspanne) voraussagen kann. Strukturen unterliegen der Veränderung.

Anne H. am Donnerstag, 25. Oktober 2018:

Ich stimme den Verfasser zu, dass durch die digitalisierte Revolution sich die Struktuuren des menschlichen Zusammenlebens ändern u auf den Prüfstand gestellt werden müssen. Denn die Kommunikation mittels Sprache zwischen Lebewesen ist ein wesentlicher Bestandteil der Interaktioon , sie ist mehr als nur ein kognitiver Vorgang des Denkens und Verstehens. Sie ist gleichzeitig auch Beziehung, die mehr oder weniger auch psychische Grundbedürfnisse abdecken kann. Im persönlichen Gespräch werden die meisten Signale nonverbal übermittelt. In dem Maße, wie wir die Kommunikation mit techn Hilfsmitteln führen, verringert sich die Beziehungsebene mit ihrer Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung. Für die Wissenschaft ist die Digitalisierung durch die Schnelligkeit der Übertragung auf der reinen Sachebene ein großer Fortschritt, auf der menschlichen Ebene ein Verlust. Durch die Digitalisierung ändert sich aber nicht nur die Beziehungsebene der Kommunikation sondern auch die Sprache selbst . Die Kurzmitteilung im öffentlichen Raum lassen keine Zeit für die Schönheit der Sprache, wie wir sie aus der Literatur kennen, die Nachricht muss schnell von A nach B und es müssen möglichst viele Informationen in kurzer Zeit eingeholt werden. Die Sprache wird sich auf Kurzformen und Abkürzungen reduzieren, in dem Maße, wie das Verhältnis persönliches Gespräch zu Austausch im virtuellen Raum sich verschiebt. Aber noch ein 3. Aspekte erscheint mir überdenkenswert: Durch die Digitalisierung besteht die Gefahr der Sprachverwirrung. Jeder kann seine postulierte Wahrheit ins Netz stellen, unabhängig von ihrem tatsächlich Wahrheitsgehalt und zu jedem Sachverhalt gibt es die unterschiedlichsten Äusserungen. Welche Instanz überprüft ihren Wahrheitsgehalt? Ich kenne keine! Und wenn Fake News immer wieder populistisch wiederholt werden, werden sie dann nicht zur Netzwahrheit? Was passiert, wenn man auf dieser Basis politisch wird? Wir kennen die Ergebnisse. Die Digitalisierung kann ein großer Schritt für die Entwicklung der Menschheit sein. Aber Segen und Fluch liegen dicht beieinander. Wir haben es selbst in der Hand, ob sich die Legende von Babylon wiederholt.

Joachim Adolphi am Donnerstag, 25. Oktober 2018:

Danke, Anne, für diesen Kommentar. Er zeigt ganz deutlich, wie schwierig der Begriff „Struktur“ zu handhaben ist. Meine Versuche, ihn für diese Seiten festzulegen (siehe Punkte 0 und o.1 oder Naturwissenschaftliche Grundlagen), sind offenbar nicht geeignet, gleich verstanden werden zu können. Dein interessanter Versuch hat den Nachteil, dass er das Problem lediglich auf die „Wachstumslinien“ verschiebt, die nun ihrerseits erklärt werden müssten.
Dein letzter Satz ist genial, denn er ermöglicht neben der einfachen Feststellung, dass Strukturen – ganz im Sinne der Überschrift dieser Seiten – ein „Werden“ haben, eine weitere Abstraktionsebene (Metaebene), nämlich die Möglichkeit einer Struktur in der Veränderungsgeschichte der Strukturen selbst.
Vielleicht einigt man sich so:
Strukturen im Sinne dieser Seiten sind wahlweise einzeln oder gleichzeitig
– räumliche Beziehungen der Objekte oder Teilobjekte selbst
– innere Eigenschafts-Strukturen (räumlich oder zeitlich oder beides) der Objekte
– nichtgeometrische Beziehungen zwischen den Objekten (Objektzuständen)
sein, sofern sie nicht chaotisch, sondern in mindestens einer Hinsicht so „geordnet“ sind, dass man eine gesetzmäßige Reproduzierbarkeit („Werden“) vermuten kann.
Die Gesetze dieser „Ordnung“ oder gar die Gesetze ihres Werdens zu finden ist Inhalt meiner Versuche.
(Eine reine Gliederung eines Ganzen in seine Teile ist also noch keine „Struktur“ in diesem Sinne, wohl aber eine „Struktur“ im Sinne des Erkennens eines konkreten Aufbaus, zum Beispiel eines anatomischen Aufbaues einer Pflanze oder eines psychologischen Wechselspiels in einer Menschenseele oder einer räumlichen Struktur eines großen organischen Moleküls. Sobald man aber Gesetze findet, die zu genau diesem Aufbau führen „müssen“, so handelt es sich bei diesem um „Struktur“ im hiesigen Sinne.)
Helfen diese Worte zum Verständnis meines Anliegens oder verwirren sie nur weiter?

Joachim Adolphi am Donnerstag, 25. Oktober 2018:

Danke, Anne, auch für den zweiten Kommentar. Es ist tatsächlich mein Anliegen, der Veränderung der Sprache systematisch auf die Schliche zu kommen. Deshalb habe ich in Punkt 1 die diskreten Systeme untersucht, in Punkt 2 die stetigen, in Punkt 3 Pflanzen und Tiere und nun, im Punkt 4, ist der Mensch das Untersuchungsobjekt. Hier entsteht keine Klagemauer, sondern ein Versuch, den Strukturen logisch auf den Grund zu gehen und sie als Zwischenzustand einer logischen Entwicklung zu verstehen.
Nur kurz (meine Seiten sind ja alle noch im Entstehen und längst nicht fertig!): Die Differenziertheit der erforderlichen Sprache hängt mit der Differenzierthjeit der Arbeitsteilung zusammen. Wenn man vor 50 Jahren als „Hausherr“ sein Auto gemeinsam mit dem Nachbarn reparieren wollte, musste man komplexe technische Zusammenhänge in der Möglichkeitsform ausdrücken können. Wenn man vor 150 Jahren eine Familie gründen wollte, musste man den künftigen Schwiegereltern gesellschaftliche Vorstellungen präsentieren können, die hinreichend waren, um sie zur Herausgabe ihrer Tochter zu bewegen.
Heute geben wir das kaputte Auto ab und bekommen es repariert wieder, mit dem eigenen Körper machen wir es im Krankenhaus ebenso. Die Ehe ist nichts Bindendes mehr, „drum prüfe, wer sich ewig bindet“ gilt also auch nicht mehr. Sowohl im beruflichen wie im privaten Leben ist der Grad der Verbindlichkeit gesunken, und statt der „Noosphäre“ Teilhard de Chardins (vor knapp hundert Jahren begrifflich als eine im Verstand vereinte Menschheit der Zukunft eingeführt) ist die Twittersphäre entstanden, der – wie Du richtig ausführst – die wichtige nonverbale Komponente der Kommunikation fehlt.
Die damit logischerweise entstehende emotionale Verarmung wird durch unmittelbare emotionale Erlebnisse der Zusammengehörigkeit in neuen Gruppen (real: Fussballplatz u.a.m., virtuell: Hashtags mit Gruppengefühl für Daumen rauf oder runter) oberflächlich ausgeglichen. Auch hier ist keine komplizierte Kommunikation erforderlich. Wir bewegen uns also wieder auf die Steinzeit zu, aus der wir kommen und nur kurz gezwungen waren, auszubrechen. Die Wegwerf-Gesellschaft macht es möglich.
Aber das wird ausführlich noch zu erforschen und zu modellieren sein, denn erst der Test mit einem Modell zeigt, ob die Gedanken zu den Zusammenhängen richtig sind. Bitte gib mir noch etwas Zeit!

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