Joachim Adolphi

Struktur als Protokoll des Werdens


Improvisation in der Musik

Man staunt immer wieder, wenn man eine Jazzband hört und sieht, wie gut sich ihre Mitglieder ergänzen.

Wie kann das sein?

Es ist ähnlich wie bei einem Mannschaftsspiel: Man hat sich auf ein generelles Ziel und auf allgemeine Regeln geeinigt und „wirft sich nun die Bälle zu“. Dazu muss man die Wurftechnik beherrschen und die Gedanken der Mitspieler erraten können. Es braucht also Übung.

So ist es auch in der Musik.

Folgendes muss man können, wenn man gemeinsam improvisieren will:

1. Man muss sich das, was man spielen will, vorstellen können (das kann sowohl aus einer gefühlsmäßigen Erfahrung stammen oder/und ein rein geistiges Produkt sein!).

2. Man muss seine Vorstellungen technisch umsetzen können.

Das erste erfordert Erinnerungsvermögen und Phantasie oder/und gutes theoretisches Verständnis, das zweite Übung und also technische Erfahrung.

ALSO: PROBIEREN und ÜBEN, PROBIEREN und ÜBEN und nochmals PROBIEREN und ÜBEN !!

Wie läuft die Improvisation dann ab?

1. Man einigt sich auf einen harmonischen Ablauf (z.B. ein Blues-Schema) und einen Grund-Rhythmus (beides kann in einem allen bekannten Titel stecken).

2. Man einigt sich auf eine Abfolge der Solo- (oder Duett-) Rechte, wenn nicht jemand live diese Rechte verteilt (und rechtzeitig ankündigt!).

3. Und dann geht es schon los!

Einfaches Grundprinzip vor allem für Anfänger:

Je einfacher die Grundgedanken bei der Einigung sind, desto größer kann die Steigerung während des Spiels sein!

Natürlich hat man am Anfang eine gewisse Scheu vor dem Improvisieren. Das kann man aber ganz allein überwinden, indem man bei einer rhythmischen Tätigkeit (spazieren, joggen, radeln, rudern, Fenster putzen…) ein einfaches Lied summt und immer weiter abwandelt, ohne den Rhythmus und die Harmoniefolge zu verändern. Mit etwas Übung reicht dafür sogar die reine Vorstellung des Summens, also ohne einen Ton von sich zu geben (was z.B. beim Joggen durchaus vorteilhaft wäre).

Und was übt man da im Detail?

„Ein einfaches Lied abwandeln“ muss doch Regeln entsprechen, oder? Genau. Zweierlei kann man tun:

– sich anfangs einen Begleit-Akkord zu jeder Phrase des Liedes erfühlen oder denken, und sich dann eine leichte Abwandlung dieser Melodie erfühlen oder ausdenken, ohne aber eben die anfangs erfühlte oder verstandene Harmonie abzuwandeln, denn die Folge der Begleit-Akkorde muss ja erhalten bleiben

– sich eine zweite Stimme zum unveränderten Lied erfühlen oder ersinnen, die nicht im Widerspruch zur Harmonie steht

(Die Details zu den Regeln folgen dann in den ausführlichen Seiten zur Harmonie und zum Kontrapunkt. Vorerst kann man mit dem „Fühlen“ beginnen und später dann aus Fehlern lernen…)

Für die meisten Anfänger aber ist es am schwersten, musikalische Gedanken unmittelbar auf dem Instrument zu spielen. Auch das ist eine reine Übungsfrage und bleibt auch später noch ziemlich lange eine Konzentrationsfrage, bis das Instrument zu einem solchen „natürlichen“ Ausdrucksmittel wie die eigene Sprache geworden ist, mit der wir ja auch ganz spontan Gedanken im Dialog ausdrücken können. Der Gesang ist sozusagen eine Zwischenstufe von der freien Rede zum Musizieren auf einem Instrument!

Die Zusammenhänge, die beim Improvisieren eine Rolle spielen, sollen in den nächsten Abschnitten ausführlich vom Einfachen zum Komplizierten dargestellt werden, sozusagen als eine begleitende Anleitung zum Selbststudium, unterfüttert mit einigen Beispielen. (Diese Beispiele können NICHT eigenes schöpferisches Probieren ersetzen, denn beim Improvisieren zählt NUR die eigene Erfahrung!!!)

Also viel Spaß und Erfolg beim heimlichen Üben und vor allem dann beim gemeinsamen Musizieren! Ich darf schon verraten, dass die gemeinsame Freude über ein gelungenes Improvisieren jener nach einem Sieg in einer Mannschaftssportart in keiner Weise nachsteht und sogar den Vorteil hat, dass es keine Verlierer gibt!

Klene Nachbemerkung:

Mir sind Menschen bekannt, die schwierige Stücke perfekt auswendig spielen können, also zum Lernen und Üben bewiesenermaßen erfolgreich in der Lage sind, aber beim Improvisieren sind sie völlig gehemmt.

Mir sind Menschen bekannt, die völlig unbeschwert aus dem Stegreif Melodien erfinden und singen, obwohl sie weder über den Quintenzirkel und die Akkorde nachgedacht haben noch ein Instrument spielen können. (Sehr selten gibt es auch Menschen, die sich ein Instrument autodidaktisch erarbeitet haben, ohne Noten zu kennen. Denen fällt das Improvisieren immer leicht, weil sie ja nie etwas anderes als Probieren gemacht haben!)

Ein indirekter Test, ob einem Instrumentalisten der Zugang zum Improvisieren leicht fallen könnte, ist das Spielen (oder auch Singen!) „vom Blatt“, also synchron zum allerersten Lesen der Noten. (Man kann schließlich auch ein bis dahin unbekanntes Märchen „vom Blatt“ vorlesen und ahnt die Pointen im voraus und setzt deshalb Pausen und Betonungen zielstrebig ein!)

Fazit: Erfahrung ist alles und also Üben die richtige Methode…

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