Joachim Adolphi

Struktur als Protokoll des Werdens


Methode des scharfen Hinguckens

Die wichtigsten Voraussetzungen bei der Beschäftigung mit der Natur sind die Eigenschaft, genau hinsehen zu können, und die Bereitschaft, sich zu wundern. Beides zusammen nennen wir mal „scharfes Hingucken“.

Beispiel 1

Heute nachmittag, Sonntag, den 18. Juni 2017, 15:30 Uhr, hole ich mir die vorletzten gefrosteten Schwarzen Johannisbeeren der Vorjahresernte aus dem Gefrierfach (am Strauch sind die diesjährigen fast reif!!), gieße Milch darüber und stelle alles in die Sonne des Gartentischs.

Beim Essen spüre ich etwas ganz Besonderes: Die Milch zwischen den Beeren ist so gefroren, dass mehrere Beeren zusammenklumpen, aber die Beeren selbst sind aufgetaut und lassen sich leicht mit der Zunge zerdrücken. Weiche Beeren mit nadelförmigem Milcheis! Hoppla!!! Wundern. Was ist passiert?

Jetzt kommt die zweite Methode, die des „scharfen Nachdenkens“.

Gesicherte Kenntnis: „Wärmeenergie strömt von warm nach kalt“, was man scherzhaft auch umdeuten kann als „Kälteenergie strömt von kalt nach warm“. Das ist das unbestrittene Diffusionsgesetz. Hier scheint es aufgehoben zu sein, denn die Milch hat „übertrieben“ und ist als Wärmespender offenbar kälter geworden als der Empfänger. Wer oder was hat Schuld?

Hypothese 1: Der Gefrierpunkt der Milch liegt über dem der Beeren.

Die Start-Temperatur der Beeren kann bei -10°C gegelegen haben, die der Milch bei +6°C. Die spezifische Schmelzwärme von beiden dürfte etwa gleich groß sein. Das Mengenverhältnis war etwa 1 zu 1. Da niemand gerührt hat und die Konvektion zwischen den Beeren sicher gering war, hat die umgebende Milch so viel Wärme abgegeben, dass sie selber gefroren ist, um die Beeren aufzutauen, was ja aber nur geht, wenn die Beeren kälter sind als die Milch. Im Umkehrschluss bleibt nur der Unterschied der Gefrierpunkte als Erklärung der Beobachtung übrig.

Hypothese 2: Die dunklen Beeren haben mehr Sonnenenergie getankt als die helle Milch, haben also die Sonne und die Milch gemolken. (Schade, ist sehr trivial und gar nicht spannend!)

Schlufo:

Wiederholen des Experiments ohne Sonne: heute abend auf dem Küchentisch ohne Glühlampe – Bericht folgt in wenigen Stunden!

Ergebnis: Das gleiche Schauspiel, auch ohne Sonne:


Auf den Bildern ist die gefrorene Milch gut zu erkennen, nicht aber, dass die anfangs glasharten Beeren nun weich sind.

Wir dürfen (müssen!) also schließen, dass Hypothese 1 richtig ist, sofern sich uns nicht irgendwann eine dritte Möglichkeit eröffnet.

Beispiel 2

Einer meiner Enkel (4. Klasse) spielte einige Tage später mit dem Gartenschlauch im aufblasbaren Planschbecken, um seinem später eintreffenden kleinen Bruder warmes Wasser vorzubereiten, und erfreute sich an dem Riesenstrudel, den er dabei (erwartungsgemäß, also doppelt selbstbestätigt: „Ich wusste vorher, wie’s geht, und die Natur muss machen, was ich will!“) erzeugt hatte.

Er hatte mit der verstellbaren Düse gespielt und den größten Rückstoß beim solitären Strahl gefunden und erwartet, dass dann auch der Antrieb für den Strudel optimal sein müsse. Richtig. Dann hat er die Düse auf den Boden des Becken gerichtet und sie sogar auf dem Boden aufgesetzt. „Opa, schau mal!! Die Düse bleibt am Boden kleben, obwohl sie dolle spritzt! Das ist ja komisch!“ Er ließ sie tatsächlich los, und erst nach einigen Sekunden löste sie sich urplötzlich vom Boden und wirbelte, uns alle bespritzend, in die Höhe.

Mit dem Blasen zwischen zwei Blatt parallel hängenden Papiers habe ich ihm das hydrodynamische Paradoxon noch einmal vorgeführt, aber „entdeckt“ hatte er es ganz allein, weil etwas seiner Erwartung widersprach. Und wie ein „richtiger“ Forscher war er ganz aufgeregt.

Fazit:

Erwartungshaltung (oder negativ konnotiert: „Vorurteil“) ermöglicht uns also nicht nur synchronisiertes Mitdenken, sondern auch unmittelbares Erleben von „Unerwartetem“.

Das bewusste Trainieren solchen „scharfen Hinguckens“ schließt also das Üben ein, sämtliche Erwartungsmöglichkeiten gleichzeitig parat zu haben.

GEDANKENSPRUNG zum Thema Achate:

Bei den Achaten gibt es so viel zum Wundern, dass man gar nicht nachkommt. Bei den Pseudomorphosen wundert sich kaum jemand. Das ist selber wieder zum Wundern. Wir werden dort also die Methode des scharfen Hinguckens besonders gut üben können!

Kommentar abgeben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.