Joachim Adolphi

Struktur als Protokoll des Werdens


1.5 Von der Tonika zur Duodominante

Bleibt man weiterhin dabei, dass man vom Tonika-Dreiklang beim Übergang zu einer anderen Tonart wenigstens einen Ton erhalten möchte, bleibt noch eine weitere Möglichkeit offen, wenn man auch einen Septakkord zulässt (was wir ja beim Übergang zur Dominante auch schon zugelassen haben, um den Übergang selbst minimal zu gestalten):

g(V) – 1/2 = fis(III) [Quinte der TO wird um Halbton erniedrigt zur Terz der DD]

e(III) -1 = d(I) [Terz der TO wird um Ganzton erniedrigt zur Prome der DD]

c(I) + o =c(VII) [Prime der TO wird zur Septime der DD]

Beispiel: Beginn von Waterloo (ABBA), hier in D-Dur.

(In unserem C-Dur wäre das: g-g  – g-g- fis-…. statt a-a  – a-a- gis)

Das „schrittweise Rückführen zur TO“ (=“Kadenz“) kann dann so aussehen, wenn man dem Quintenzirkel folgt:

TO -> DD -> DO -> TO (hier bei ABBA: D -> E7 -> A7 -> D)

Man könnte, um (hier wieder in C dargestellt) einen chromatischen Stimmen-Gang „g-fis-f-e“ zu erzeugen, die Dominante durch ihre Septime erweitern!!

ABBA aber schieben innerhalb eines Taktes noch die Subdominante als Verstärkung ein (die Septime von A/ wird kurz zur Prime in G):

TO -> DD -> DO/SD -> DO -> TO

(D -> E7 -> A7/G -> A6/A -> D)

(Interessant ist auch der A6-Akkord am Beginn des zweiten abgebildeten Taktes als melodisch bedingter „Folge-Durchgangs-Akkord“ nach A7/G.)

(Übrigens: Diese Kadenz war schon ein Teil anderer Kadenzen (in der Rückführung der TV und der MP zur Tonika schon enthalten, siehe dort weiter oben).

Emotionales Resümee:

Man fühlt beim Schritt in die Duodominante, dass es sich um eine harmonische Nähe handelt, aus der man mit Zwischenschritten zur Tonika zurück gelangen kann. Man fühlt sozusagen, dass die erste Auflösung eine weitere verlangen wird und spürt, dass doppeltes Vergügen bevorsteht. (Der direkte Rückweg würde als künstlich empfunden werden und höchstens als wiederholte Hin-und-Her-Rückung Geltung erlangen…)

Man hat also die Beziehung zur Tonika nicht verloren!

ÜBUNGSAUFGABEN

1. Suche unter deinen gern gehörten Titeln nach weiteren Beispielen für den direkten Sprung in die Duodominante!

2. Schreibe eine zweite Stimme zu den Suchergebnissen!

Nachbemerkung zu berühmten Duodominanten für Fortgeschrittene

Es gibt ein Stück folgender grober Harmonie-Angaben:

|cis               |Dis7       |Gis79-,Gis7|Gis79-,cis |

|A                 |Ao          |E79,     E7    |A6,      A5-|

|Gis79-,Gis7|cis         |H79,    H7   |E                |

|gis                |Dis7      |Gis7              |Gis7          |

Die dazugehörige zweistimmige Melodieführung fängt mit einer Abwärts-Rückung einer Sexte über acht Takte an (halb- und ganztonig):

|gis‘-e“          |fisis‘-dis“|      fis‘-dis“|e‘-cis“      |

|e‘-cis“           |dis‘-his‘   |       dis‘-h’|       cis‘-a’|

Das sind folgende Sexten im harmonischen Bezug zur Tonika cis und zur neuen Tonika A:

|TO-  Quinte-Dezime|DD-  Terz-Oktave|DO-Septime-Quinte|TO-Terz-Oktave|

|TOn-Quinte-Dezime|TOn-vQ-kDez     |DOn-Septime-Quinte|TOn-Terz-Oktave|

(weiter geht es dann mit Septakkorden…)

Das ist der cis-Moll-Walzer op. 64-2 von Chopin, wie die Kenner schon herausgehört haben dürften.

Die Akkorde Gis79- sind natürlich auch als gleichzeitige Dominant- und Subdominant-Akkorde zu verstehen, wie in 1.2 dargelegt. Sie haben in beiden Takten einen unterschiedlichen Bezug zur Bassbegleitung im jeweils ersten Viertel, sind also Durchgangs-Harmonien unterschielicher Funktion. Das ist ein interessanter kontrapunktischer Fakt, der die Spannung vor der Auflösung verfeinert.

In den letzten vier Takten des 16-Takte-Blocks geht es dann sowohl in der Melodie (einstimmig) als auch in der Begleitung (Tritoni) chromatisch abwärts, was bei den Tritoni eine Version der „Klammer-Dominanten“-Ausführung darstellt (DD-DO-TO).

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