Joachim Adolphi

Struktur als Protokoll des Werdens


3. Strukturen im Tier- und Pflanzenleben

Die einfachste „Struktur“ ist wohl die Existenz einer Spiegelebene. Wir sind jedenfalls daran gewöhnt, dass es bei allen höheren Tieren ein Rechts und ein Links gibt.

Woher kommt dieser Einfall der Evolution?

Nun, das kann wohl nicht anders sein, wenn ein Tier sich vom Boden erheben will, um sich fortzubewegen, denn dann muss es oben und unten geben (es erhebt sich nach oben), vorn und hinten (es bewegt sich nach vorn). Und schon gibt es rechts und links, denn dieses Begriffs-Paar ist nicht absolut, sondern wie die beiden anderen Begriffs-Paare auch: relativ.

Als Entwicklungsschritt bedeutet das, dass aus einem rotationssymmetrischen (drehrunden) Organismus (viele Würmer zum Beispiel, genau wie die Pflanzen!) ein spiegelsymmetrischer wurde, weil sich oben (ohne Beine) von unten (mit Beinen) unterscheiden soll. Die meisten Organe sind nun paarig angelegt, die unpaarigen aber auch oft spiegelsymmetrisch zusammengesetzt. Auch das Herz könnte spiegelsymmetrisch sein, wenn die Kammern hintereinander lägen statt nebeneinander.

(Überhaupt ist der neuerdings aufrechte Gang des Menschen erschwerend für diese Abhandlung. Also kriechen wir mal zur Vereinfachung!)

Oben und unten scheinen uns durch die Schwerkraftrichtung vorgegeben, vorn und hinten durch unseren Willen oder unseren Körperbau, rechts und links folgen so zwangsläufig daraus, dass wir bei einer einfachen geometrischen Frage gern scheitern: Ist es wahr, dass der Spiegel rechts und links vertauscht?

Schnake in meinem Spiegel

„Na klar, wenn ich meine rechte Hand vorm Spiegel hebe, hebt der Mensch im Spiegel seine linke! Und Auto-Kennzeichen kann ich im Rückspiegel auch nur in Spiegelschrift erkennen!“

Okay. Dann drehen wir den Spiegel um 90°, vertauscht er dann oben und unten statt rechts und links? Natürlich nicht, das mit den Händen bleibt.

Okay. Dann lege ich mich vor den Spiegel, vertauscht er nun Kopf und Füße? Natürlich nicht. Aber was ist nun „rechts“ und „links“? Ist es nicht raumbezogen, sondern nur körperbezogen?

Es ist – bezogen auf den Spiegel – „nur“ psychologisch, denn wir versetzen und in Gedanken HINTER den Spiegel und vergleichen die gedachte Person hinter dem Spiegel mit dem Spiegelbild. Wir würden uns also auch hinter den Spiegel legen, und zwar mit dem Gesicht zum Spiegel, so wie wir uns auch in Gedanken hinter den Spiegel mit dem Gesicht zum Spiegel stellen. In jedem Fall machen wir eine Drehbewegung um unsere Längsachse (das ist erstens die mit der geringsten Änderung für die Optik und die Psyche, und zweitens die mit dem kleinsten Trägheitsmoment für die Physik), und genau das vertauscht in ursprünglicher Blickrichtung nur rechts und links und nicht oben und unten.

Macht der Spiegel nun gar nichts? Doch, er spiegelt. Und diese eine Operation ist durch zwei andere zu ersetzen: Drehung plus Spiegelung an einer Ebene, die senkrecht zur ersten Spiegelebene steht und die Drehachse (unsere psychisch bevorzugte Körperlängsachse) enthält.

Mit der menschlichen Psyche müssen wir uns offenbar also noch weiter unten beschäftigen. Die Evolution hat ihr eine Struktur mitgegeben, die spannende Fragen aufwirft.

Hier aber bleiben wir „noch“ bei den Pflanzen und Tieren:

Der letzte Punkt ist wohl der spannendste, denn er enthält trotz der Gänsefüßchen den kompletten Kultur-Begriff: Trieb-Erfüllungs-Verzicht des Einzelnen zugunsten der Gemeinschaft: „Du sollst nicht…“ Und er enthält die damit notwendig verbundene Existenz von strukturierten Kommunikations-Elementen: einen „Zeichen“-Satz.

 

 

 

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