Joachim Adolphi

Struktur als Protokoll des Werdens


1. Kontrapunkt in einer einzigen Stimme

Fangen wir also ganz einfach an:

Der erste Takt in „Alle meine Entchen“ besteht aus der vom Grundton an aufsteigenden Dur-Tonleiter, die auf der Quinte endet. (Hört oder „spürt“ das jeder, dass die Melodie mit dem Grundton beginnt? Wenn nicht, müssen die Übungsaufgaben aus dem Abschnitt „Harmonie“ wiederholt werden!)

Verstehen wir die Töne als Achtel in einem Vier-Viertel-Takt, so ist der Rhythmus ein Wechsel aus betontem und unbetontem Achtel. Die Hauptbetonung liegt auf der „Eins“, die Nebenbetonung auf der „Drei“, „Zwei“ und „Vier“ sind zwar eigentlich unbetont, in Bezug auf die Achtel „Eins und“, „Zwei und“ etc. aber immer noch betont.

(Hätte man das Lied in halbem Tempo geschrieben, klänge das jetzt einfacher…)

Jetzt kommt der „Kontrapunkt“ ins Spiel, indem wir gleichzeitig fststellen, dass die unbetonten Töne auf  „Eins und“ („-le“ auf d‘) und „Zwei und“ („-ne“ auf f‘) gleichzeitig als „Durchgangstöne“ der Tonleiter bezeichnet werden, weil sie NICHT zum Dur-Dreiklang gehören. Diese Kopplung von Harmonie und Rhythmus ist unsere erste Erkenntnis auf dem Gebiet des Kontrapunkts! (Diese Betonung ist zugleich die des lyrischen Versmaßes: hier jambisch mit abwechselnd 6 und 5 Silben!)

Wie man leicht erkennt, folgen keine „Durchgangstöne“ mehr, wenn man das f‘ im vierten Takt als Septime des Dominant-Septakkordes nicht dazu zählt, weil es der Leitton zur Tonika-Terz e‘ ist.

Weitere „kontrapunktische“ Selbstbezüge sind die Wiederholung des zweiten Taktes (die darin enthaltene Subdominante, vertreten durch das a‘ als Terz, steigert die Erwartung, dass die Kadenz folgen muss). Und tatsächlich folgt sie mit dem f‘ (NICHT als Grundton der Subdominante, sondern als Septime der Dominante! Fühlt das jeder?) des vierten Taktes, der jetzt gemischt ist: Er nimmt den Rhytmus des ersten Taktes auf und die Tonfolge des zweiten/dritten Taktes (ein einziger Sekunden-Schritt), aber eine Terz tiefer, und ist harmonisch anders strukturiert: DO-TO statt  SD-TO. Der Schlusstakt schließlich bildet eine Klammer um den gesamten Tonumfang der Strophe, obwohl er bei gleicher Harmonie (DO-TO) auch eine Fortsetzung der Tonleiter sein könnte:

||c-d-e-f-g-g|:a-a-a-a-g:|f-f-f-f-e-e|d-d-d-d-c||

Stattdessen bereitet er den Schluss durch die Quinte etwas dramatischer vor:

||c-d-e-f-g-g|:a-a-a-a-g:|f-f-f-f-e-e|g-g-g-g-c||

FAZIT:

Da Musik ohne Selbstbezug strukturlos erscheint, sind in den meisten Liedern schon Selbstbezüge (und somit kontrapunktische Aspekte) in der ersten Stimme zu finden.

Die Kunst ist es nun, die zweite Stimme weder langweilig noch beziehungslos zu gestalten.

ÜBUNGSAUFGABE als Vorbereitung auf die nächsten Abschnitte

Erfinde mindestens drei verschiedene einzelne zweite Unterstimmen und eine zweite gesonderte Oberstimme zu den „Entchen“ und formuliere ihre Bezüge zur Erststimme mit eigenen Worten (harmonisch und rhythmisch)!

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