Joachim Adolphi

Struktur als Protokoll des Werdens


1.2 Von der Tonika zur Subdominante

Wir beginnen mit dem Dur-Dreiklang und nehmen als einfachste Tonart C-Dur. Die Tonart, auf die wir uns beziehen, nennt sich immer Tonika. Ihr Dur-Dreiklang ist jetzt also c-e-g.

Er besteht (immer von unten nach oben im Notenbild und in der Tonhöhe) aus eine großen Terz (4 Halbtöne) und eine Kleinen Terz (3 Halbtöne). Der Bezug des obersten Tons zum untersten ist dann die Quinte (7 Halbtöne).

Wir lassen jetzt die Prime stehen und verändern die beiden anderen Töne, erhöhen die Terz um einen Halbton und die Quinte um einen Ganzton.

Es ensteht der Dreiklang c-f-a (hier wird auf die Zuordnung zu einer bestimmten Oktave der Tonhöhe bewusst verzichtet, die weiter rechts stehenden Töne in der Bindestrich-Folge sollen also immer über den linken liegen). Dieser Dreiklang ist eine Umkehrung des „Subdominant-Akkordes“ f-a-c. Spielen wir diesen Dreiklang an, ruft er ganz leise (anders also als der schreiende Dominant-Septakkord!) nach einer Rückauflösung zu c-e-g.

Wir können also drei parallele Folgen der Sequenz

Tonika – Subdominante – Tonika

festhalten

g -> a -> g (Ganzton nach oben)

e -> f -> e (Halbton nach oben)

c -> c -> c (gehalten)

oder in der zusammengefassten Akkord-Schreibweise

TO -> SD -> TO (hier: C -> F >- C)

Man kann mit dem in 1.1 gelernten den „Rückweg“ („Kadenz“) verlänger und noch die Dominante einfügen:

Als dreistimmiger Chorgesang auf die durchgezogene Silbe „oh“ ist das leicht nachzuahmen, genauso am Klavier oder auf der Gitarre.

Beispiel:

„Alle meine Entchen“ oder „O du Fröhliche“:

„Alle meine Entchen“ in der Tonika, „schwimmen auf dem“ in der Subdominante, „See“ wieder in der Tonika. „Köpfchen in das“  und Schwänzchen in die“ sind dann im Dominant-Septakkord.

Will man zu diesem harmonischen Schema zusätzliche Stimmen aus dem Stegreif singen („improvisieren“), sollte man in die Akkorde der Tonika bzw. Subdominante passende Töne wählen.

Oft ist es ganz einfach, eine Terz darunter oder darüber zu wählen, hier etwa:

Alle meine Entchen (c-d-e-f-g-g: Tonika),

zweite Stimme improvisiert: (c-h-c-d-e-e)

schwimmen auf dem (a-a-a-a: Subdominante)

zweite Stimme improvisiert. (f-f-c-f)

See (g: Tonika)

zweite Stimme improvisiert: e)

!! Man merkt schon, dass man da noch eine andere Idee haben könnte, welche die Harmonie spannender macht:

Alle meine Entchen (c-h-c-g-cd-ec),

schwimmen auf dem (f-e-d-c)

(… Notenbilder selber schreiben!)

Abstrahiert man von diesem Kinderlied und überlegt, welche Sachen man aus Tonika und Subdominante so machen könnte, so nimmt man sich ein Rhythmus-Schema z.B. aus einem einzigen Takt mit vier Schlägen und legt los:

TO -> TO -> TO -> SD

und wiederholt das ständig, bis einem nichts Neues mehr einfällt, am besten erst einmal zweistimmig (mit einem Haletpunkt auf c und einer variierenden Begleitstimme):

c-g -> c-g -> c-g -> c-f

Wenn man dann mutiger wird, lässt man (unbetonte!) Durchgangstöne zwischen den Grund-Akkordtönen zu und löst den Haltepunkt teilweise auf:

c-g -> d-g -> c-g -> c-f

Dann kann man das Ganze punktieren oder vorziehen oder verzögern oder in Triolen aufsplitten, um rhythmisch mehr „Pepp“ hineinzubringen usw. usf.

Und später macht man dann eine Begleitstimme als Bass-Gang und entfernt sich etwas weiter vom Schema:

c‘-g‘ -> h-g‘ -> c-g‘ -> a-f‘

oder ausführlicher dreistimmig:

c‘-e‘-g‘ -> h-e‘-g‘ -> c-e‘-g‘ -> a-c‘-f‘

(hier habe ich mal mit einem ‚ die obere der beiden beteiligten Oktaven dargestellt)

Jetzt soll eine Form gefunden werden, wie wir alle Erkenntnisse schematisch darstellen können:

Zusammenfassung:

Die direkte Modulation von der Tonika zur Subdominante kann wiederum durch zwei Schritte erfolgen (die gleichzeitig oder nacheinander durchgeführt werden können).

g(V) + 1 = a(III) [der 5. Ton (Quinte) von C-Dur wird um einen Ganzton zum 3. (Terz) von F-Dur erhöht]

e(III) + 1/2 = f(I) [der 3. Ton (Terz) von C-Dur wird um einen Halbton zum 1. (Prime) von F-Dur erhöht]

c(I) + 0 = c(V) [der Grundton von C-Dur (Prime) wird zum  5. (Quinte) von F-Dur]

Zusammenfassung insgesamt bisher:

Bei beiden Übergängen (von Tonika zur Dominante und von Tonika zur Subdominante) werden jeweils Prime und Quinte gegenseitig vertauscht:

Das könnte man sequentiell so weiterführen und erhält dadurch den Quintenzirkel vorwärts (aufwärts)

C – G – D – A – E – H – Fis(=Ges) – Des – As – Es – B – F – C

oder abwärts (rückwärts)

C – F – B – Es – As – Des – Ges(=Fis) – H – E – A – D – G – C

Emotionales Resümee:

Man fühlt beim Schritt in die Subdominante, dass es sich um eine harmonische Nähe handelt, aus der man jederzeit zur Tonika zurück gelangen kann. Die Möglichkeit der „Einkreisung“ der Tonika beim Rückweg durch einen Zwischenschritt zur Dominante spürt man ebenfalls ganz unbewusst.

Man hat also die Beziehung zur Tonika nicht verloren!

ÜBUNGSAUFGABEN:

1. Schreibe einen dreistimmigen Satz für „Alle meine Entchen“!

2. Transponiere in F-Dur!

(Überprüfe allesan einem Instrument oder mit Freunden beim Gesang!)

Zusatzüberlegung für Fortgeschrittene

Man kann Dominante und Subdominante gleichzeitig spielen und das „Einkreisen der Tonika“ dadurch verstärken. Am besten macht man das durch den Domuinant-7-11-Akkord, bei dem man am einfachsten nur die beiden Quinten 1-5 und 7-11 spielt. Beispiel einmal in einer anderen Tonart: Es-Dur als Tonika, dann ist der Dominant-7-11-Akkord zusammengesetzt aus der B-Dur-Quinte B-F und der Quinte As-Es, was die Subdominante ist. Der Zielton Es klingt also vorweggenommen schon mit mit an! Die Auflösung ist dann:

es“ -> es“

as‘ -> g‘

f‘ -> es‘

b -> b -> es

Die beiden mittleren Töne schwenken also in den Es-Dur-Dreiklang ein, die beiden äußeren bleiben bestehen. (Ein nachgestelltes tieferes Es kann dann dann die Auflösung endgültig abscholießen.)

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