Joachim Adolphi

Struktur als Protokoll des Werdens


4.3.1 Strukturelemente der Musik

Die Musik ist die am besten strukturierte Kunstform, und vor allem aber eine Form, bei der man stets das Gefühl hat, die Struktur nicht bloß als Protokoll des Werdens zu erleben, sondern als Werden selbst!

Das liegt natürlich an dem strikten Zeitmaß des Taktes und an der zeitlich geordneten Selbstbezügen.

Um den Umfang zu ermessen zu können, von dem wir hier reden, einige Gedankenexperimente:

a)

Wenn man die ersten vier Takte von „Hänschen klein“ zur Basis nimmt (Hänschen klein / ging allein / in die weite Welt hinein), so sind das 13 Silben oder Töne. Bleibt man in der Dur-Tonleiter, so sind das 7 hoch 13 = knapp 100 Millionen Möglichkeiten für eine Melodie (Wiederholungen eines Tones inbegriffen). Fügt man die Möglichkeit von lediglich zwei verschiedenen Silbenlängen (Viertel und Halbe z.B.) hinzu, müssen wir das Ganze mit 2 hoch 13 = reichlich 8 Tausend multiplizieren und sind schon bei 800 Milliarden allein für die erste Phrase des Liedes.

b)

Nimmt man eine einschränkende Regel der Zwölftonmusik ernst und sagt, die ersten 12 Töne einer Melodie sollen alle verschieden sein, so kommt man auf eine Anzahl von 12! = knapp eine halbe Milliarde Melodien innerhalb einer Oktave (na gut, nehmen wir den ersten Ton dieser 12 aus der Rechnung, weil sich alles auf diesen beziehen kann, so bleiben immerhin noch 11! = knapp 40 Millionen). Erweitert man das auf mehrere Oktaven oder nimmt die Tonlänge hinzu, ergibt das wieder viel mehr Möglichkeiten als Menschen auf unserer Erde.

c)

Teilt man einen 4/4-Takt in wahlweise Halbe, Viertel, Achtel und Sechzehntel ein und unterscheidet außerdem zwischen Ton und Pause (alle Längen), so ergeben sich 2 hoch 2 = 4 Möglichkeiten für Halbe, 2 hoch 4 = 16 Möglichkeiten für Viertel, 2 hoch 8 = 256 Möglichkeiten für Achtel und 2 hoch 16 = 65.536 Möglichkeiten für Sechzehntel. (Es sind natürlich in Wirklichkeit ein paar weniger, da man zusammenhängende Pausen normalerweise zu einer einzigen zusammenzieht. Dafür kann man die verschiedenen Tonlängen beliebig mischen, was die Zahl der Möglichkeiten wieder erweitert, und man kann Triolen hinzufügen und und und…

Und doch erkennen wir auch als Laien Musikstücke sofort wieder, können als Geübte nie gehörte Stücke einem Komponisten zuordnen. Und es gibt Software, die nach den ersten Takten sicher weiß, was das für ein Stück ist…

Das Wiedererkennen liegt aber nicht nur an Tonhöhen und Tonlängen (oder Lautstärken oder Klangfarben) und der Reiz des Immerwiederhörens auch nicht. Es gibt noch etwas anderes, nämlich den harmonischen Bezug. Diesen „spüren“ auch Laien, die ihn weder benennen noch strukturieren können, und lieben ihre Lieblingsstücke genau wegen der durch die Harmonie entstehenden Gefühle, die also durch das Abspielen der Musik bewusst erzeugbar werden und durch den Rhythmus verstärkt werden können. Trifft das alles zusammen, kann die Lautstärke ihrerseits verstärkend wirken, was man an den Größen der Lautsprecher-Boxen bei Rock-Konzerten besonders deutlich erkennen kann. („Zarte“ Gefühle können das mithin nicht sein…)

Also der Reihe nach in den Unterkapiteln:

 

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