Joachim Adolphi

Struktur als Protokoll des Werdens


1.1 Von der Tonika zur Dominante

Wir beginnen mit dem Dur-Dreiklang und nehmen als einfachste Tonart C-Dur. Die Tonart, auf die wir uns beziehen, nennt sich immer Tonika (TO). Ihr Dur-Dreiklang ist jetzt also c-e-g.

Er besteht (immer von unten nach oben im Notenbild und in der Tonhöhe) aus eine großen Terz (4 Halbtöne) und eine Kleinen Terz (3 Halbtöne). Der Bezug des obersten Tons zum untersten ist dann die Quinte (7 Halbtöne).

Wir lassen jetzt die Quinte stehen und verändern die beiden anderen Töne um jeweils einen Halbton, und zwar die Terz (mittlerer Ton) nach oben und die Prime (unterer Ton) nach unten.

Es ensteht der Dreiklang h-f-g (hier wird auf die Zuordnung zu einer bestimmten Oktave („x-gestrichene“) bewusst verzichtet, die weiter rechts stehenden Töne in der Bindestrich-Folge sollen also immer über den linken liegen). Dieser Dreiklang ist Bestandteil des „Dominant-Sept-Akkordes“ g-h-d-f in der „Umkehrung“ h-d-f-g (damit wird in der Harmonielehre ein Stapel von Tönen gemeint, der nicht mit dem Grundton des Akkordes beginnt, der hier das g wäre), wobei also das d fehlt. Spielen wir diesen Dreiklang an, „schreit“ er geradezu nach einer Rückauflösung zu c-e-g.

Wir können also drei parallele Folgen der Sequenz

Tonika – Dominantseptakkord – Tonika

festhalten

g -> g -> g (gehaltener Ton)

e -> f -> e (Halbton nach oben)

c -> h -> c (Halbton nach unten)

oder in der zusammengefassten Akkord-Schreibweise

TO -> DO -> TO (hier: C -> G7 (G) >- C)

Man kann (wie in Klammern dargestellt), auch einen reinen Durakkord der Dominante nehmen, dann wird das e einen Ganzton nach unten verändert statt einen Halbton nach oben.

Als dreistimmiger Chorgesamg auf die durchgezogene Silbe „oh“ ist das leicht nachzuahmen, genauso am Klavier oder auf der Gitarre.

Will man die sehr nach Auflösung drängende Septime f nicht nehmen und nur mit den Tönen der Dur-Dreiklänge arbeiten, so ergibt sich

g -> g -> g

e -> d -> e

c -> h -> d

oder zusammengefasst

C -> G -> C

Beispiel: „Hänschen klein“ kommt mit TO und DO aus (natürlich gibt es auch einen raffinierteren Satz, aber hier geht es um den Einstieg!):

Hänschen klein (g-e-e: Tonika),

geht allein (f-d-d: Dominantseptakkord)

in die weite Welt hinein (c-d-e-f-g-g-g: Tonika mit „Durchgangstönen“ d und f)

Will man zu diesem harmonischen Schema zusätzliche Stimmen aus dem Stegreif singen („improvisieren“), sollte man in die Akkorde der Tonika bzw. Dominante passende Töne wählen.

Oft ist es ganz einfach, eine Terz darunter oder darüber zu wählen, hier etwa:

Hänschen klein (e-c-c: Tonika),

geht allein (d-h-h: Dominante)

in die weite Welt hinein (c-h-c-d-e-e-e: Tonika mit „Durchgangstönen“ h und d)

!! Man merkt schon, dass man da noch andere Ideen haben könnte, welche die Harmonie spannender macht:

Hänschen klein (e-c-c: Tonika),

geht allein (d-h-h: Dominante)

in die weite Welt hinein (c-h-c-d-e-dc: Tonika mit „Durchgangstönen“ h und d)

ODER noch mutiger: Im vierten Takt lässt man in der zweiten Takthälfte (auf „-ein:“) sogar die Dominante zu, was auf dem Melodieton g‘ zu keinerlei Konflikt führt (c-h-c-d-e-dd: nach den Durchgangstönen die Dominante selber – hier zum g‘ die Tonika-Quinte aus dem Dreiklang g-h-d, gespielt als d‘)

(… beide Notenbilder selber schreiben!)

Abstrahiert man von diesem Kinderlied und überlegt, welche Sachen man aus Tonika und Dominante so machen könnte, so nimmt man sich ein Rhythmus-Schema z.B. aus einem einzigen Takt mit vier Schlägen und legt los:

TO -> TO -> TO -> DO

und wiederholt das ständig, bis einem nichts Neues mehr einfällt, am besten erst einmal zweistimmig (mit einem Haletpunkt auf g und einer variierenden Begleitstimme):

c-g -> e-g -> c-g -> d-g

Wenn man dann mutiger wird, lässt man (unbetonte!) Durchgangstöne zwischen den Grund-Akkordtönen zu und löst den Haltepunkt teilweise auf:

c-g -> d-g -> e-g -> d-f

Dann kann man das Ganze punktieren oder vorziehen oder verzögern oder in Triolen aufsplitten, um rhythmisch mehr „Pepp“ hineinzubringen usw. usf.

Und später macht man dann eine Begleitstimme als Bass-Gang und entfernt sich etwas weiter vom Schema, indem man die Hauptstimme in die None der Dominante gehen lässt:

c‘-g‘ -> h-g‘ -> a-g‘ -> g-a‘

oder ausführlicher dreistimmig:

c‘-e‘-g‘ -> h-e‘-g‘ -> a-e‘-g‘ -> g-f‘-a‘

(hier habe ich mal mit einem ‚ die obere der beiden beteiligten Oktaven dargestellt)

Jetzt soll eine Form gefunden werden, wie wir alle Erkenntnisse schematisch darstellen können:

Zusammenfassung:

Die direkte Modulation von der Tonika zur Dominante kann durch zwei Halbtonschritte erfolgen (die gleichzeitig oder nacheinander durchgeführt werden können).

g(V) + 0 = g(VIII) [der 5. Ton (Quinte) von C-Dur wird zum 8. (Oktave) von G-Dur]

e(III) + 1/2 = f(VII) [der 3. Ton (Terz) von C-Dur wird um einen Halbton zum 7. (Septime) von G-Dur erhöht]

c(I) – 1/2 = h(III) [der Grundton von C-Dur (Prime) wird um einen Halbton zum 3. (Terz) von G-Dur erniedrigt]

Emotionales Resümee:

Man fühlt beim Schritt in die Dominante, dass es sich um eine harmonische Nähe handelt, aus der man jederzeit zur Tonika zurück gelangen kann.

Man hat also die Beziehung zur Tonika nicht verloren!

ÜBUNGSAUFGABEN

1. Schreibe zwei verschiedene zweite Stimmen für „Hänschen klein“, die sich jeweils an den Tönen der Tonika und Dominante orientieren. Mach daraus einen dreistimmigen Satz.

2. Transponiere Dein Ergebnis in D-Dur!

(Überprüfe alles am Keyboard: Klingt es gut? Passt es ins Erwartungs-Schema?)

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