Joachim Adolphi

Struktur als Protokoll des Werdens


4.1.3 Dynamik der Selbstreflexion

(letzte Änderung: 27.04.2018)

Die Psyche eines Menschen kann stabil sein, auch wenn er dem logischen Subjekt-Objekt-Dilemma nicht entflieht.

Dieser Satz impliziert schon, dass eine psychische Verwirrung aus der Sicht eines Systemanalytikers nicht unnormal im Sinne von unwahrscheinlich ist.

Dieser Satz impliziert außerdem, dass auch eine Flucht aus dem Dilemma zu stabilen Zuständen (im Sinne von „stabil gegen Versuche der Änderung“) führen kann (Festhalten an der „Lebenslüge“: manchmal kommt die Katastrophe nie).

Da der einzelne Mensch sich lernend entwickelt, verschieben sich seine Sicherheits-Anker im Dilemma Freiheit-Geborgenheit, was sich besonders in der Bewertung sowohl der eigenen Person als auch der Nächsten bemerkbar macht: Die zwei Seiten der vielen Eigenschafts-Medaillen treten immer wieder in neuen Konstellationen zutage.

Konzept der „Kollusion“

Wenn mir die „klaren Ansagen“ eines Partners oder einer Partei in Zeiten eigener Unsicherheit besonders gut gefallen, kann es sein, dass mir später genau diese klaren Ansagen als herrschsüchtig vorkommen und zur Ablehnung führen, weil mein eigner Wille nichts zu zählen scheint. Ist mir dieser Vorgang nicht klar, suche ich die Schuld immer bei anderen.

Auch das Gegenteil kann der Fall sein: In Zeiten großen Selbstbewusstseins finde ich es gut, dass mir ein neuer Partner oder die Mitglieder einer Organisationseinheit unter meiner Leitung zujubeln. Und dann kommt der Zeitpunkt, wo ich genau diese Personen wegen ihres mangelnden Selbtsbewusstseins, dass sich ja in ihrer Gefolgschaft für meine Person ausdrückt, verachte. Ich wünsche mir jetzt Ebenbürtige! (Ich habe nicht erkannt, dass ich erst jetzt wirklich selbstbewusst bin und die frühere Gefolgschaft gebraucht habe, um mich selbstbewusst fühlen zu können.)

Trotzdem entsteht eine moralische „Schuld“ aus Sicht einer neutralen gesellschaftlichen Person, wenn ich meine Position derart ändere und daraus Vorwürfe formuliere, die den anderen „Schuld“ zuweist, mich selbst also „im Recht“ fühle.

Eine besondere Dynamik entsteht naturgemäß in der ersten Ehe und beim ersten Kind, in der ersten Klasse (oder besser vorher im Kindergarten) und im ersten Team bei der ersten Arbeit.

Was Ehe und Kinder angeht, so ist man heute den Ratschlägen Älterer (Eltern, Onkel, Tanten, Großeltern) nicht sehr gewogen, da die ja per se altmodisch sind und die Zeiten sich superschnell ändern. Dass die eigene Psyche durch  jahrtausendalte Strukturen geprägt ist, widerspricht der Vorstellung persönlicher Freiheit und macht schwerhörig für gut gemeinten Rat. Weiterhin kommt erschwerend hinzu, dass man keine Mögliehkeit der Mittelung/Verteilung/Diversifizierung seiner Erwartungen an Nachkommen auf zehn Kinder hat, wenn man die Ein-Kind-Familie vorzieht, was zu einer permanenten Überforderung des Nachwuchses führt, der man nur mit antiautoritärer Haltung gegensteuern kann, was zu einem doppelten Übel führt, denn die gesellschaftlichen Strukturen sind (bis auf den Wahlsonntag) autoritär.

Die späte Erkenntnis der Fehler führt zu einem Wunsch nach Vermittlung an sein einziges Kind, was dem vehement widersprechen wird, zumal der Generationenabstand bei gleichzeitiger Beschleunigung der wissenschaftlich-technischen Entwicklung wächst, was zu einem noch größeren Gap in der gegenseitigen Wahrnehmung der Generationen führt.

Bisheriges Fazit:

Es ist ein Wunder, dass die mitteleuropäische Gesellschaft trotzdem relativ friedlich ist. Es ist zu vermuten, dass das von der Erkenntnis herrührt, Glück zu haben und das nicht gefährden zu wollen: Ziel der Besitzstandswahrung der Mehrheit der Bevölkerung als stabilsierendes Korrektiv in der Dynamik der persönlichen und gesellschaftlichen Selbstreflexion.

Konzept der Todsünden

Die geschulte Selbstreflexion hat seit ein paar Jahrhunderten das Konzept der „Todsünden“ zur Verfügung. Was bedeuten diese aus sytemanalytischer Sicht?

Der Begriff „Tod“ bedeutet hier symbolisch den Tod der Seele im Sinne eines Aufhörens der gleichberechtigten Wahrnehmung der Bedürfnisse anderer.

Gleichberechtigung ist ein ethisches Merkmal des Zusammenlebens und wird zum ästhetischen, wenn es gut strukturiert ist. Das schaffen die „Todsünden“. Sie beschreiben eine Verirrung der Werte in Bezug auf die eigene Person und in Bezug auf das verallgemeinerte Gegenüber.

Die Mahnung zur Vermeidung der Todsünden ist etwas, was man mit sich selber ausmachen muss, mit dem eigenen „Teufel“ in sich. Das besonders Raffinierte an diesem Kerl ist, dass er zur Verhandlungsbereitschaft auffodert. Das kann man von Goethe („Faust“) bis nachlesen.

Kurzer Übersichts-Versuch für alle Nachdenk-„Anfänger“ (in den Kontext zu diesem Artikel gebracht):

 

Todsünde Suchtbezug

soziale

Komponente

gesundes

Gegenteil

krankhaftes

Gegenteil

Hochmut

Superbia

Herrschsucht

(übersteigertes Geltungs-Bedürfnis)

Sein sozial

Bescheidenheit

Anstand

Höflichkeit

Minderwertigkeitsgefühl

Speichelleckerei

Unterwürfigkeit

Neid

Invidia

Missgunst Haben sozial

Gunst

Mitfreude

Gönnerhaftigkeit

Geiz

Avaritia

Habgier Haben sozial

Freigebigkeit

Bereitschaft zum Teilen

Aufdringlichkeit

Verzichtswahn

Zorn

Ira

Rachsucht Sein sozial Sanftmut Kriecherei

Wollust

Luxuria

Genusssucht Sein individuell Liebe Verklemmtheit

Völlerei

Gula

Selbstsucht Haben individuell Mäßigung Magersucht

Faulheit

Acedia

Neinsucht

Zielablehnung

Sein sozial

Sein individuell

Fleiß

Muße

Kontemplation

Arbeitswahn

Man erkennt schnell, dass unser Alltag voller Angebote für den Dienst an den Todsünden ist, denn die Werbung richtet sich genau an diese, selbst der politische Wahlkampf bis auf seltene Ausnahmen.

Mit anderen Worten: Wenn man die erfolgreiche Werbung unter diesem Aspekt analysiert, erfährt man viel über die Verfasstheit unserer Gesellschaft, denn erfolglose Werbung verschwindet von allein.

(Natürlich darf man nicht außer Acht lassen, dass es einen Teil von uns gibt, der bewusst Dinge kauft, die NICHT beworben werden. Bei mir ist es zum Beispiel das Bier.)

Dabei könnten uns die geäußerten Gedanken über die historische Verfasstheit unserer Psyche völlig gelassen sein lassen, denn es ist einfach phylogenetisch bedingt, dass ein bestimmter Anteil der Individuen widerborstig ist („Protestwähler“ ohne inhaltliche Sondierung), dass sich ein bestimmter Anteil anbiederisch verhält („treue Stammwähler“ ohne inhaltliche Sondierung), dass ein bestimmter Anteil auf individuelle Freiheit setzt (liberal) und ein bestimmter Anteil auf soziale Sicherheit oder auf gar auf die klarste aller Strukturen, die Diktatur eines Allein-Herrschers oder einer Partei.

Erst wenn man daraus polarisierend ein besonderes Problem macht, kommt die phylogenetisch „natürliche“ Proportion („Struktur“!) ins Wanken und es beginnt ein Zweilagerkampf, der sich bis zum Bürgerkrieg aufschaukeln kann oder aufgeschaukelt werden kann.

(Weiteres bei „Ästhetik und Politik“.)

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