Joachim Adolphi

Struktur als Protokoll des Werdens


4.1.1.1 Bewusstes Schaffen von Strukturen: Training

Wir haben manches unbewusst gelernt, „können“ es also, ohne  genau beschreiben zu können, „wie“ wir es machen. (Siehe oben das „Aufstehen vom Tisch“!)

Wir können schwimmen, wenn wir auf die Welt kommen, verlernen es aber sehr schnell. (Schließlich waren wir im Mutterleib lange „unter Wasser“ und haben die Luft angehalten, ohne Angst zu bekommen!)

Wir können nicht Rad fahren, wenn wir auf die Welt kommen. Das ist von der Evolution nicht vorgesehen. Wir haben es aber fast alle irgendwann einmal gelernt, meist in einem Alter, wo wir schon verbal kommunizieren konnten. Trotzdem wissen wir nicht, wie wir es machen!

Ich habe jedenfalls lernen müssen, dass ich nicht weiß, wie ich Rad fahre! Das ist eine gute Lehre gewesen:

Nette junge Frau von der Rikscha-Verleih-Firma: „Ich muss Sie das fragen: Sind Sie schon Rikscha gefahren?“ „Nein.“ „Sind Sie ein guter Radfahrer?“ „Ja!“ „Das ist schlimm. Die Profis machen die meisten Fehler! Die produzieren nämlich die Frontalzusammenstöße auf unseren Radwegen um den Tagebausee! Deshalb müssen Sie jetzt eine kleine Prüfung ablegen. Steigen Sie auf und fahren Sie schnurgerade auf das kleine Bäumchen auf dem Vorplatz zu und weichen Sie ihm nach rechts aus, umrunden es links herum und kommen genau auf mich zu und machen vor mir eine Linkskurve zum Absteigen!“

Ich schmunzele und mache das blöde Spiel mit. Vor dem Bäumchen will ich nach rechts fahren, wie befohlen, fahre aber nach links und kippe fast nach rechts vom Rad gegen das Bäumchen, nehme den Fuß herunter statt zu bremsen und sehe sicherlich sehr bekloppt aus. Ich bekomme das Gefährt mit der Handbremse zum Stehen und starte ganz langsam neu. Jetzt konzentriere ich mich nur auf den Lenker und nicht aufs völlig überflüssige Gleichgewicht. Das funktioniert. Mit etwas verkrampften Schultern bediene ich den Lenker und stütze mich gleichzeitig auf ihm ab. In Schlängelkurven fahre ich zu der grinsenden netten jungen Frau zurück. „Danke!“, sage ich zu ihr, „Das war vielleicht ein Aha-Effekt, vielen, vielen Dank!“

Mir war sofort klar geworden, was da passiert, und doch habe ich noch eine halbe Stunde gebraucht (ich hoffe, meine Mutter auf der überdachten Rückbank hat nicht zu sehr zittern müssen), bis die Bewegungsabläufe sicher saßen. Dann begann es Spaß zu machen, schneller zu fahren, kleine Abfahrten und Kurven ohne Überkonzentration zu meistern.

In meinen Lehrveranstaltungen zur Technischen Mechanik habe ich dann die Radfahrer erklären lassen, wie sie aus schnurgerader Fahrt auf glattem Asphalt in eine Kurve übergehen. „Ich lege mich nach rechts, um die kommende Fliehkraft ausgleichen zu können, und drehe dann den Lenker ein wenig nach rechts, so dass beim richtigen Kurvenradius mein Kippmoment durch schräges Fahren die Fliehkraft ausgleicht!“

Der Zustand des Kurvenfahrens war fast fehlerfrei (Kraft und Moment sind nicht direkt gleichzusetzen!) beschrieben. Aber der Beginn war falsch: Wo sollte denn die Gegenkraft zum „Nachrechtslegen“ herkommen, woran will man sich denn abstoßen, um aus dem Gleichgewicht des Geradeausfahrens zu kommen? „Am Lenker?“ Prima, dass sich die Unsicherheit jetzt als Frage artikuliert.

Es gibt nur eine Möglichkeit, den Schwerpunkt nach rechts zu bekommen, nämlich den Unterstützungspunkt des Schwerpunkts nach links zu bringen, also eine kleine Linkskurve zu fahren,damit man nach rechts kippt und anschließend eine Rechtskurve beginnen kann. (Im frischen Schnee oder mit benässten Reifen auf trockener Straße lässt sich das „aufzeichnen“!)

Wir „wissen“ nicht, dass wir das schon immer vor jeder Kurve tun, denn es ist das Ergebnis eines Trial-and-Error-Lernprozesses. Das Rikscha-Experiment hat aber bewiesen, dass wir das tun: Wir lenken automatisch (also völlig unbewusst!) so lange nach links, bis wir nach rechts kippen, um die Rechtskurve beginnen zu können, und da das Dreirad aber nicht kippen kann, verstärkt der unbewusste „Regler“ in unserem Unbewussten die Linkskurve bis zum „Erfolg“ der Katastrophe.

(Warum die FührerInnen kurzer vierrädriger Kleinwagen vor Rechtskurven ohne Rücksicht auf den Nachfolgeverkehr nach links ausholen, obwohl sie rechts blinken, ist hierdurch nicht beantwortet…)

Die positive Erkenntnis ist, dass wir lernfähig sind, und genau das nutzen wir beim Training von Bewegungsabläufen, und dieses Training ist immer dann von besonderer Wichtigkeit, wenn vorher erworbene Ablauf-Standards geändert (im Unbewussten „überschrieben“) werden müssen. Schöne „Tests“ sind zum Beispiel einfache Spiegelungen: Mit der linken Hand etwas tun, was wir sonst mit Rechts machen und umgekehrt (Tischtennis, Kugelstoßen, Schnürsenkel mit vertauschter Rechts-Links-Zuordnung binden).

Daraus folgt, dass sehr viel Übung unter fachgerechter Anleitung erforderlich ist, um zum Beispiel Klavier spielen zu lernen. Wenn man sich nicht zu schade ist, „elementare Unterprogramme“ (Tonleitern, Arpeggien usw. usf.) zuverlässig abrufbar ins Unbewusste zu versenken, kann man sie bei Bedarf auch abrufen. Genauso verhält es sich mit vielen Handwerks-Berufen: Übung macht den Meister!

Und wenn man außerdem noch versteht, warum und wie man etwas tut, ist das nie von Nachteil! Man schafft sich also eine feste „Struktur“ von Unterprogrammen, aus denen man ein ansehnliches „Überprogramm“ (varaiable „Struktur“) komponieren kann (wie es beim Sprechen ja auch ist).

(Letzte Änderung: 22.03.2018)

 

 

Kommentar abgeben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.