Joachim Adolphi

Struktur als Protokoll des Werdens


2. Zweitstimme als rhythmisch UND harmonisch stabilisierendes Element: Walking Bass

Jeder kann sich erinnern, schon einmal einen Bass-Gang gehört zu haben, bei dem man fast die Hauptstimmes des Titels vergisst: den „Walking Bass“.

Das liegt dann daran, dass dieser Bass-Gang gleich zwei Funktionen erfüllt hat:

Erstens bleibt er – wie ein Schlagzeug – fest im Viertel-Rhythmus (manchmal auch im Halben- oder Achtel-), und zweitens führt er immer wieder Ton für Ton zur Zwischen-Auflösung in die nächste harmonische Stufe, und zwar fast immer zum Grundton des jeweiligen Akkordes.

Beide „Gerüste“ des musikalischen Geschehens (Harmonie und Rhythmus) werden auf diese Weise kontrapunktisch vereint und geben dafür der Melodie-Stimme freien Raum zum Improvisieren, nachdem sie einmal im Original erklungen ist.

Kann man das sogar auch bei den „Entchen“ machen?

Wir probieren es (jetzt der Einfachheit halber mit Viertelnoten im 4/4-Takt):

|c‘-d‘-e‘-f’|g‘—g‘—|a‘-a‘-a‘-a’|g‘——|a‘-a‘-a‘-a’|g‘——–|f‘- f‘- f‘- f’|e‘—e‘—|g‘-g‘-g‘-g’|c‘——||

|c-H-A-G|c-d -e -c|f- e- d- c |e-f-g-c|f- e- d- c |e-f-g-c |G-A-H-G|c- d-e-c |d- e-f- g|c——-||

Man sieht sofort, dass die Aufwärts- und Abwärts-Tonleiter-Stücke im Bass-Gang auch andersherum zu gestalten wären: Man verlässt sich nach etwas Übung auf das individuelle Gefühl für die „drängendere“ Variante.

Nun kann die erste Stimme auf dieser Basis des Bass-Gangs improvisieren, indem sie sich rhythmische (Punktierungen z.B.) und melodische (Zusatz-Töne oder Auslassungen) Freiheiten nimmt, die aber die Harmonie nicht nachhaltig verletzen dürfen:

Oben der Bass-Gang zur Originalstimme, unten die improvisierte Stimme zum oben gefundenen Bass-Gang.

Die Improvisation nutzt einige wenige Zusatz-Töne und eine sich in ihrer Struktur wiederholende Punktierung, die schon in der zweiten Strophe auch von „unbeleckten“ Zuhörern mitgesungen werden kann.

Man sieht, dass im vorletzten Takt eine ungeschickte Parallelität entstanden ist. Dort sollte entweder der Bass (letzte zwei Töne d-G statt f-g) oder die Improvisation (letzte zwei Töne a‘-g‘ statt g‘-g‘) etwas ändern… Aber so ist das Leben, es „entwickelt“ sich…

Übungs-Aufgabe:

Verändere die obigen Vorschläge nach deinem eigenen Empfinden so lange, bis du zufrieden bist!

 

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