Joachim Adolphi

Struktur als Protokoll des Werdens


0. Noch ein Vorwort über Relatives und Absolutes: Kontrapunkt

Wie schon im Vorwort zum Abschnitt „Harmonie“ müssen wir klarstellen:

Die Absolutheit der Töne als Schwingungsereignis einer bestimmten Grundfrequenz wird durch die Relativiertheit ihrer Beziehungen untereinander wunderbar aufgehoben. In der Lehre der Harmonie betrachtet man ihre Bezüge zu einem bestimmten momentan empfundenen Bezugston (Grundton einer bestimmten Tonart), in der Lehre vom Kontrapunkt zu anderen Tönen der gleichen Stimme oder überhaupt zu anderen Stimmen.

Das heißt interessanterweise, dass auch ein einstimmiger Satz (also ein Volkslied oder Kinerlied ohne Begleitung) bestimmte innere Bezüge aufweist, die ihn vom „Krach“ unterscheiden.

Um es mit einer anderen Disziplin zu vergleichen:

Man kann neuerdings eine Wortfolge auch „Gedicht“ nennen, wenn sie weder Reim noch Versmaß aufweist. Das gilt als besonders „frei“, ist aber im Grunde „keine Kunst“, weil keinerlei Regeln zu beachten sind. Allein der lyrische Gedanke an sich zählt dann. Und der kann kleinen Kindern ganz unbefangen kommen: „Opa, hat die Wolke erst Bauchschmerzen, wenn sie dann regnen muss?“

Soll das heißen, dass es erst dann „Kunst“ ist, wenn man sich das Leben mit Regeln schwer macht?

Nein, aber jede Regel verringert die Freiheit durch einzuhaltende „Symmetrien“ oder „Bezüge“ und macht für den Regelkundigen den Genuss größer, sowohl beim Erfinden oder Senden als auch beim Empfangen und Verarbeiten.

Der „Kontrapunkt“, also der Bezug zu anderen Tönen der eigenen Stimme oder zu anderen Stimmen, schränkt damit automatisch auch die „harmonische Freiheit der Deutung“ ein. Aber: Positiv ausgedrückt unterstützt er dadurch die Sicherheit des harmonischen Empfindens!

Beispiel: C-Dur-Tonleiter.

|c-d-e-f-g-a-h-c’|

Welche harmonischen Bezüge wollen wir zuordnen? Alles unbestimmt.

Wir strukturieren die Tonleiter:

|c-d-e—| e-f-g—|g-a-h—|c‘——-|

Jetzt haben wir kontrapunktische Entscheidungen getroffen, indem wir Dreiergruppen gebildet haben, deren jeweils folgende mit dem Schlusston der vorangegangenen beginnt, bis auf den Schluss selbst.

Was hören wir jetzt? Zwei Takte Tonika, einen Takt Dominante, Schluss als Tonika:

|C-Dur|C-Dur|G-Dur|C-Dur|

Ist das zwingend? Na, es ist wenigstens naheliegend. Wir könnten aber auch hören:

|C-Dur|e-Moll|G-Dur|C-Dur|

oder noch entfernter:

|C-Dur|e-Moll|e-Moll|a-Moll|

(Da spüren wir, dass noch nicht Schluss sein kann und die Melodie eine Fortsetzung haben muss, die irgendwann zur Tonika zurückführt.)

usw. usf.

Es ist also spannend, dass man zwar die Beliebigkeit aufgehoben hat, aber trotzdem noch keine zwingende Eindeutigkeit erschaffen konnte.

Und das allein durch die Einführung eines einfachen „Versmaßes!“, hier Rhythmus genannt, besser Rhythmus-Figur, die wiederholt wird und dadurch ihrerseits emotionale Sicherheit in der erlebten Struktur verleiht.

Wir sehen also, dass das Thema „Kontrapunkt“ ein spannendes Gebiet werden kann.

 

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