Joachim Adolphi

Struktur als Protokoll des Werdens


4.3.3.4 Chopin

Eins meiner Lieblings-Stücke zum Spielen in völliger Dunkelheit ist der cis-Moll-Walzer von Chopin:

Als Elfjähriger war ich nicht sofort in der Lage, die harmonischen Bezüge theoretisch zu verstehen, aber ihr „Drive“ hat mich bald gefangen.

Wie bei Beethoven im Abschnitt 4.3.3.3 geht es mit einem Auftakt auf der Quinte los, was schnell mit dem Volltakt einzuordnen ist. Wir sind also „sofort“ (im psychologischen „Jetzt“!) auf die Grund-Tonart eingestimmt. Der Erwartungsbaum ist gesetzt. Was passiert also nun mit uns, und was sehen wir im Notenbild?

1. Im zweiten Takt setzt in der rechten Hand eine chromatische Abwärtsbewegung ein, indem die Sexte „Quinte-Dezime“ (zweite Umkehrung des Dreiklangs ohne Mittelton) der Tonika cis-Moll in die  Sexte „Terz-Oktave“ (erste Umkehrung des Drteiklangs ohne Mittelton) der Duodominate Dis-Dur parallel verschoben wird. Der Bass-Gang geht dafür aufwärts. Da er im vierten Takt nicht zur Prime zurückgekehrt ist, sondern zur Oktave geht, wird die Aufmerksamkeit psychologisch geschickt erhöht.

2. Die Takte 3 und 4 bringen zwar harmonisch die Auflösung zur Tonika über die Dominante, sind rhythmisch und kontrapunktisch aber völlig anders gestaltet. Spannend ist die Hervorhebung des jeweilgen Leittons a‘ als None im zweiten Viertel des dritten bzw. als Sexte im zweiten Viertel des vierten Taktes durch den h‘-Vorschlag.

3. Die nächsten vier Takte sind rhythmisch kontrapunktisch identisch, aber harmonisch völlig anders, denn sie starten mit der Subdominante der parallelen Dur-Tonart (A-Dur), wobei der Bas-Gang aber drei Takte auf dem E liegt, was besonders im zweiten Takt dieser Gruppe, der in der Dominante der parallelen Dur-Tonart (H-Dur, hier aber als Duodominate zu A-Dur) steht, ein trotzige Dissonanz erzeugt, die um so erlösender in den beiden Folgetakten zu A-Dur aufgelöst wird, um am Taktende schon wieder zu einer kräftigen Dissonanz zu führen: Die Überleitung zum Sept-Nonen-Akkord der Dominante (Gis-Dur) der Grund-Tonart (cis-Moll).

4. Die anschließende Überleitung zur Wiederholung des Hauptthemas durch die vielen gedoppelten Sekunden-Gänge sind ein weiteres Schmäckerchen dieses Walzers und geben dem Interpreten viel Freiheit der Gestaltung. Die begleitende Harmonie folgt einer gängigen Kadenz: Dur-Parallele (E), deren schwebende Dominante (H6->gis), Grund-Tonart-Duodominante (Dis), Dominante (Gis), Tonika (cis).

Natürlich sind auch weitere Passagen erwähnenswert, aber hier sollte es nur um den Vergleich der beiden Auftakte von Beethoven und Chopin und deren Verwertung am Anfang des Stückes gehen.

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