Joachim Adolphi

Struktur als Protokoll des Werdens


4.1.4 Freiheit des Denkens

Die Gedanken sind frei,
Wer kann sie errathen?
Sie rauschen vorbei
Wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wißen,
Kein Jäger sie schießen.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei.

Ich denke was ich will
Und was mich beglücket,
Doch alles in der Still
Und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
Kann niemand verwehren.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei.

Und sperrt man mich ein
Im finsteren Kerker,
Das alles sind rein
Vergebliche Werke;
Denn meine Gedanken
Zerreißen die Schranken
Und Mauern entzwei:
Die Gedanken sind frei.

Nun will ich auf immer
Den Sorgen entsagen,
Und will mich auch nimmer
Mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
Stets lachen und scherzen
Und denken dabei:
Die Gedanken sind frei.

Ich liebe den Wein,
Mein Mädchen vor allen,
Die thut mir allein
Am besten gefallen.
Ich sitz nicht alleine
Bei einem Glas Weine,
Mein Mädchen dabei:
Die Gedanken sind frei.

(nach Wiki Fassung von 1856, erstes Auftauchen 1780)

Ist die Freiheit der Gedanken die Freiheit des Denkens?

Nein, natürlich nicht, denn Gedanken kommen uns unbewusst (oder höchstens bewusst assoziativ provoziert) oder auch im Traum.

Der Traum deutet gut auf das Wesen der unbewussten assoziativen Leistung des Gehirns hin: Ein neuronales Netzwerk aus kurzlebigen Zellen muss Umschichtungen der Inhalte automatisieren, um Gedächtnis sein zu können. (Das hat uns die Evolution geschenkt, wir können nichts dafür. Wir können es aber trainieren!)

Definieren wir „Denken“ als bewusstes Verknüpfen von Sachverhalten nach bestimmten Regeln, so ist es nicht frei. Frei ist lediglich die Wahl der Sachverhalte, über die wir nachdenken wollen.

Dem werden Naturwissenschaftler und Techniker gern zustimmen, aber Künstler? Denken die nicht frei?

Beiden ist gemein, dass sie manchmal „Erfindungen“ machen. Hier müssen wir „Erfindung“ und „Entdeckung“ trennen. Semantisch ist das klar: Entdecken kann man etwas, das schon da, aber zugedeckt war. Nun deckt man es auf, entdeckt es. Erfinden kann man nur, was noch nicht da war.

Aber wie soll das gehen? Kann es „zufällige Erfindungen“ geben? Das werden die Erfinder selten zugeben, dass sie durch unbewusste assoziative „Eingaben“ (für die assoziativen „Gedanken“ können wir nichts, sie kommen von allein, ungesteuert, sind also „göttliche“ oder „teuflische“ Eingaben) eine neue Konstallation des Denkbaren gefunden, „er-„funden haben.

Man kann die Assoziations-Freiheit fördern, indem man die Assoziationsbremsen lockert, die die Alltagsdisziplin uns auferlegt, um nicht ständig vom Hundertsten ins Tausendste zu entgleiten. Solche bewährte „Enthemmer“ sind Alkohol, Drogen und schöpferische „Musen“, die uns inspirieren und von der gewohnten Basis „emporschweben“ lassen in neue Räume…

Man kann aber auch weiter denken, und zwar systematisch. Was passiert denn bei der künstlerischen „Schöpfung“?

Der Künstler (Musik-Komponist, Maler, Bildhauer, Architket, …) kombiniert gegebene Elemente neu, indem er sie selbst aus alten erneuert oder sie selbst oder ihre Beziehungen untereinander neu gruppiert, das heißt

Die „Freiheit dieses Denkens“ besteht nun darin, noch nicht Gedachtes in diesen Zusammenhängen zu finden und darunter gestalterisch auszuwählen, ohne gegen die freiwillig einzuhaltenden Regeln zu verstoßen. Kunst ist es dann, wenn es originell ist (erster Blick macht neugierig auf zweiten Blick: notwendige Bedingung) UND befriedigend (zweiter Blick befriedigt die geweckte Neugier durch gewährte Einsicht in Neues, das ästhetisch über Triviales hinausgeht: hinreichende Bedingung).

Beispiel-Gedanken aus der Musik:

Für mich stehen die Beispiele J. S. Bach, F. Chopin, D. D. Schostakowitsch, A. Schönberg, A. Webern und The Beatles für schöpferisches Denken bei konsequenter Regeltreue (darunter die ästhetische Regel des Weglassens von Unnötigem). Gegenbeispiele sind für mein ästhetisches Empfinden häufig W. A. Mozart, F. Mendelssohn Bartholdy und F. Liszt, obwohl sie alle auch streng sein konnten (Beispiel: W. A. Mozart, Gigue in G, KV 574: das kann man nicht improvisatorisch er-„spielen“), aber Geld verdienen wollten oder mussten und also der Popmusik-Szene erlagen.

Es ist eine ästhetische Frage der höheren Ordnung, wem man mehr Vorwürfe machen soll: Dem Künstler, der seine Eitelkeit durch Anbiedern bei der Masse befriedigt, oder dem, der seine Eitelkeit durch die Arroganz des Nichtverstandenwerdenwollens zeigt?

Es bleibt also dabei, als Komponist ein rechtes Maß an Entgegenkommen für den Zuhörer zu finden, der das Stück zum ersten Mal hört: Wiederholung, Zitat und Variation zu nutzen, um einen Gedankengang nachvollziehbar zu entwickeln. Es gibt auch Komponisten, die darauf verzichten und und erwarten, dass man die Partitur durch ausführliches Studieren zu verstehen hat. Das ist nicht abwegig, widerspricht aber der allgemeinen Rezeption von Musik, die meist von dem Wunsch nach intellektueller UND emotionaler Berührung begleitet wird. Das ist übrigens der Grund, warum im alten China die Musik nicht in der Gunst der Mächtigen stand: Sie kann manipulativ gegen die Macht wirken.)

(Doch dazu mehr im entsprechenden Abschnitt.)

Hier soll es jedoch um die Freiheit des Denkens gehen, und da ist folgendes beachtenswert:

Ich kann so improvisieren, dass es z.B. wie Mozart klingt, und zwar nicht nur für Kenner, sondern auch für Laien. Das bedeutet, dass auch ein Laie allgemeine Strukturen in Mozarts Musik gespeichert hat, die unbewusst assoziativ (also ohne wissenschaftliche Analyse) zur Verfügung stehen.

Jetzt gibt es auf einmal eine doppelte Freiheit, denn in Künstlerkreisen der E-Musik ist es nicht opportun, auf Mozartsche Weise zu komponieren, auch wenn es den Zuhörern gefällt (es sei denn, man macht gekonnte Jazz-Adaptionen, sofern man Jazz zur E-Musik zu zählen bereit ist). In der U-Musik darf man hingegen mit der Kadenz von Hänschenklein und lautem Schlagzeug Furore machen obwohl absolut nichts dabei ist, was einem zweiten Blick standhalten könnte.

Dieser zweite Aspekt der „Freiheit des Denkens“ ist aber unwesentlich im Sinne dieser Abhandlung, denn er ist dem Wesen nach eine willkürliche Regel des Marktes.

Ein anderer Aspekt des Denkens ist jedoch noch wesentlich für seine Freiheit: Die Bausteine des Denkens kommen aus dem „Wissen“, und dieses kommt aus dem „Lernen“. Das Wissen kann man zum Beispiel unterteilen in

Alle drei Wissensgruppen kommen beim naturwissenschaftlich-technischen Denken und bei der künstlerisch-schöpferischen Denk-Arbeit zusammen.

Hier setzt auch die Künstliche Intelligenz (KI) an. (Es wäre gewagt, ein Würfelspiel der 70-er Jahre, mit dem man Mozartstücke „komponieren“ konnte, als Vorstufe der KI zu bezeichnen; aber viel anders arbeiten die Algorithmen der KI nicht: Fakten variieren, Prozeduren probieren und variieren, Ergebnis-Fakten vergleichen, Fakten neu strukturieren, Fakten und Prozeduren speichern.)

Fazit:

Die „Freiheit des Denkens“ ist eine sinnvolle Wort-Konstruktion, wenn man sie nicht auf Regellosigkeit („Freiheit“ gleich „Beliebigkeit“) bezieht, sondern auf die Themenwahl, also bisher Ungedachtes zu denken.

(Man darf auch beim Lernen schon vorher Gedachtes wieder denken, nur in der Vorlage einer wissenschaftlichen Arbeit sollte man korrekt zitieren, was schon vorher dagewesen ist. Hier denke ich lernend und recherchiere nicht, was andere zur Freiheit des Denkens gesagt haben, außer:

Friedrich Engels meinte, „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“, was im Umkehrschluss heißt, dass Gedanken, die die Regeln der Notwendigkeit – gemeint sind naturwissenschaftliche Gesetze – nicht beachten, den Denkenden eher unfrei machen, weil er, den unverstandenen Gesetzen ausgeliefert, Schiffbruch erleiden muss.

Rosa Luxemburg meinte, „Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden“, was heißt, dass politische Freiheit – also Meinungsfreiheit als juristisches Gesetz – nur für alle oder keinen zu haben sei.)

P.S.: Es gibt noch ein drittes Feld des Denkens, das oben schon angesprochen worden ist: Das des Wettbewerbes. Er ist zwar unter Künstlern auch vorhanden, aber besonders ausgeprägt im Sport und in der Wirtschaft. Auch hier geht es um Regeln (Rahmen für die Handlungs-Strukturen), allerdings ist das Ziel nicht das Gemeinwohl aller Teilnehmer, sondern der Sieg über den Mitbewerber. Im Sport darf er (außer im k.o.-System) weiter mitspielen, in der Wirtschaft ist er pleite.

Dieser Wettbewerb ist strukturell mit der „natürlichen“ Auslese wesensverwandt. Die Frage ist nur, welcher Art das „Subjekt“ des Wettbewerbs ist: Ein einzelner Mensch (oder Sportler), ein einzelnes Unternehmen (oder Mannschaft), eine ganzer Staat (oder ganze Sportart) oder gar eine Staatengruppe oder eine Staatsform (der Sport als Ganzes)?

Wenn man erkannt hat, dass eine Gruppe mit Egoisten untergehen muss, wenn sie vor die nachfolgende Situation der Berücksichtigung von Nachhaltigkeit gestellt wird, wird man dann den Egoismus erfolgreich verbieten können?

Situation:

11 Familien eines Dorfes haben je 2 Schafe, die gemeinsame Weide trägt aber nur 12 Schafe. Überweidung bedeutet Tod der Schafe und damit Tod der Menschen durch Hunger (keine Milch) oder Kälte (keine Wolle). Also Schafe schlachten und etwas Hunger und etwas Kälte und bei Gleichbehandlung für jeden nur ein Schaf auf die Weide stellen. Wenn nur 2 von 11 sich nicht daran halten, weil jeder der beiden denkt, für ein zusätzliches Schaf wäre ja noch Platz, und das ist das meinige, so gehen alle unter. Die Beobachter des Nachbardorfes oder der letzte Überlebende, der dort Aufnahme findet, werden für die Einführung eines strengen Tabus plädieren, dessen Übertretung mit der Todesstrafe geahndet wird: Tod des Verbrechers zur Vermeidung des Todes der Gemeinschaft.

Welche Tabus außer den nationalen Gesetzesgrundlagen und den internationalen Abkommen, die nicht alle unterzeichnet haben und an die sich noch weniger halten, existieren heute, um Katastrophen zu verhindern?

Wieso ist Nachhaltigkeit noch immer freiwillig?

Die Strukturen der Werbung von Marktwirtschaft und politischem Wettbewerb bedienen die Todsünden und nicht die Nachhaltigkeit und lenken die Freiheit des Denkens auf kurzfristige „Siege“. Die Naturvölker waren da richtig weise im Vergleich mit uns. Sie waren „frei“, weil mit der „Notwendigkeit“ nicht auf Kriegsfuß. Ihre Welt war „unendlich“ in der Zeit, weil kein Ende der Ressourcen abzusehen war, wenn man sich freiwillig beschränkt.

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