Joachim Adolphi

Struktur als Protokoll des Werdens


Gefallen an der Musik

„Ich singe ganz nach Gefühl“, „Diese Musik entspricht meinem Gefühl“, „In dieser Musik gehe ich ganz auf“, … , …

Man kennt solche Aussagen und man versteht sie auch. Gleichzeitig schwingt in diesen Aussagen mit, dass man keine Lust hat, sie zu begründen, also den Verstand zu bitten, Argumente für das Gefallen zu finden.

Das weist uns darauf hin, dass Musik uns direkt ansprechen kann, ohne dass uns jemand erklärt, „was der Künstler uns damit sagen wollte“!

Für denjenigen, der selber gern Musik machen möchte, ist es dennoch nicht schädlich, ein wenig Hintergrundwissen zu haben. Dass es immer wieder einige Menschen gibt, die ohne Unterricht gehabt zu haben mit ihrer Stimme oder mit einem Instrument ansprechende und sogar unverwechselbare Musik hervorzubringen, ist kein allgemeingültiges Gegenargument.

Und es ist ja tatsächlich so: Viele Menschen haben ein sehr gutes Gedächtnis für Musik und können also frei nach dem Gedächtnis etwas nachsingen, vor allem dann, wenn es ihnen gefällt und sie die Konserve schon oft gehört haben. Dazu braucht man lediglich ein so gutes Gehör, dass man etwaige eigene Fehler der Erinnerung anpassen, also korrigieren kann. (Sobald man aber mit anderen gemeinsam musizieren will, zum Beispiel mit einem begleitenden Instrument, kommt man leicht durcheinander, wenn die Begleitung nicht genau so wie im gefühlsmäßigen Original klingt.)

Also: Wieso berührt die Musik unser Gefühl so unmittelbar, so viel direkter als andere Künste?

Da wäre als erster Grund der Rhythmus. Wir haben ihn als Herzschlag und als Schritt-Tempo quasi immer in uns. Der Grundschlag der Musik lädt uns ein, nicht nur zu fühlen, sondern mitzufühlen. Beim Hören sind wir sofort „dabei“, obwohl wir uns nicht (wie etwa beim Tanz) im Rhythmus bewusst mitbewegen.

Da wäre als zweiter Grund die Sehnsucht nach Harmonie. (Gemeint ist damit die Sehnsucht nach Harmonie zwischen innen und außen im allgemeinen, nicht die Sehnsucht nach der musikalischen Harmonie im einzelnen.)

Wenn ich schon lange wütend bin, kann mich „wütende“ Musik, die im engeren Sinne überhaupt nicht harmonisch klingen muss, befriedigen, weil ich außerhalb meines Ichs eine Entsprechung finde.

Als Ergebnis eines Lernprozesses kann es dazu führen, dass ich bestimmte Stimmungen in mir mit Hilfe von Musik herstellen kann.

Und: Ich kann auch bei bestimmten anderen Menschen bestimmte Stimmungen erzeugen, indem ich Musik als Werkzeug einsetze.

Da ergibt sich tatsächlich die tiefergehende Frage, was denn dann „musikalische Harmonie“ eigentlich ist.

Die Frage ist schwieriger als die nach dem Rhythmus. Zumindest kann man aber sagen, dass man harmonische Spannungen aufbauen kann, die man anschließend wieder lösen kann. Dazu benötigt man noch nicht den Begriff der Dissonanz, es reicht schon einfach ein Ton, der schon rein gefühlsmäßig nach einem Nachbarton „ruft“. Einfachstes Beispiel ist der vorletzte Ton der Dur-Tonleiter, der den letzten geradzu verlangt. (Wenn man auf einem Klavier nur die weißen Tasten von links nach rechts anschlägt, endet man rein gefühlsmäßig bei einem C, weil das als Auflösung des H empfunden wird.)

Je nach Bildung und Geschmack kann der Aufbau von harmonischen Spannungen und Auflösungen beliebig kompliziert gestaltet und mit rhythmischen Spielereien kombiniert werden. Darum wird es weiter unten gehen. Für Neugierige gibt es also noch viel zu entdecken, am besten im Wechsel von Lesen und Probieren…

Ich darf hier schon versprechen, dass „Gefallen“ an der Musik gesteigert werden kann, wenn man mehr von den systematischen Hintergründen versteht!

Also: Neugierig sein, Zeit nehmen, weiterlesen…

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