Joachim Adolphi

Struktur als Protokoll des Werdens


4.4.1 Hörendes Verstehen von Sprache

Frage:

Welche Voraussetzungen sind erforderlich, um gesprochene Sprache hörend zu verstehen? Wieso können wir das meistens ohne Zeitverzögerung? Ist unser Sprachcomputer im Kopf schneller als das Licht?

Irgendwann ist mir einmal aufgefallen, dass ich genau in dem Moment, wo jemand etwas sagt, fast jedes Wort „mitdenken“ kann. Ich kann es zwar nicht wirklich synchron mitsprechen, aber denken. Und als Simultandolmetscher habe ich bei Themen, die ich kenne, kein Problem, gleichzeitig zu hören und zu reden, bin aber nach kurzer Zeit total erschöpft, aber glücklich. Das ist wie beim Jazz mit einer neuen Truppe! Oder wie beim Mannschafts-Ballsport: Blindes Zuspiel!

Man „denkt“ sich also „hinein“ in den anderen und das, was er tut oder tun wird. Genauer: Man hat eine „Erwartungshaltung“ (positiv besetzter Begriff für „Vorurteil“).

Am besten untersucht man das, indem man einen indirekten Beweis anlegt:

Hör dir einen einfachen kurzen Satz in einer völlig fremden Sprache an und übersetze ihn mit Wörterbuch!

Man scheitert kläglich, weil man aus dem Fluss der Silben keine Wörter herausfiltern kann. Und nur diese könnte man nachschlagen.

Wir stellen also erstens fest:

Hör die einen völlig geschüttelten längeren Satz (zum Beispiel mit dem PC die Wortfolge zufällig festlegen lassen) an und übersetze ihn in richtiges Deutsch.

Beim Nachdenken verhaspelt man sich und vergisst inzwischen Teile der Wortfolge, wenn der Satz nicht sehr kurz ist.

Wir stellen also zweitens fest:

Sprich einen kurzen Satz in einer völlig fremden Sprache nach!

Das funktioniert.

Wir stellen also drittens fest:

Test:

Sprich einen grammatisch richtigen, aber inhaltlich sinnlosen oder einen mit dem vorhandenen Wissen nicht zu verstehenden langen Satz nach!

Man hat damit Schwierigkeiten.

Schlussfolgerung:

Während des Hörens läuft ein ständig aktualisierter Fortsetzungs-Möglichkeits-Baum mit, der je nach sprachlicher und inhaltlicher Vorbildung mehr oder weniger verzweigt ist und das Verstehen ermöglicht. Dieser Baum besteht nicht nur aus formalen Wörtern, sondern auch aus inhaltlichen Beziehungen.

Dieser Möglichkeits-Baum kann sich sogar schneller in uns hinein „bewegen“, als wir den Satz hören, weshalb wir manchmal schon „instinktiv“ nicken, obwohl wir am Ende anderer Meinung sein müssen. Und noch schlimmer: Manchmal hören wir beim zweiten Teil des Satzes schon nicht mehr hin, weil wir glauben, den Rest schon zu kennen, und dann entgeht uns ein Widerspruch.

Die deutsche Sprache hat genau für dieses Problem eine hervorragende strukturelle Möglichkeit: die Klammern. Hier kann der Satzbau so gestaltet werden, dass die Aufmerksamkeit erhalten bleibt, weil man auf das Schließen der Klammern warten muss. Solche Klammern können sowohl die verzögerte Verneinung (sein ->) als auch die Trennung zusammengesetzter Verben sein.

Zwei Beispiele:

Ich liebe Dich ((nun nicht mehr ->)), Du wunderbar großzügige und verständnisvolle Frau, die mir schon seit vielen Jahren täglich die Pausenbrote bereitet, welche ich mit großem Genuss, der noch durch die sehnsüchtigen Blicke meiner Kollegen verstärkt wird, verspeise, seit meinem heutigen Blick in den Spiegel, der mir die reine Wahrheit meines Bauchumfanges, der ich mich bisher verschlossen hatte, zeigte, nun nicht mehr.

Hiermit setze ich den Preis des Sonderbieres ((herauf ->)), das, wie jedes Jahr, allen Gästen unseres Festes hervorragend zu munden scheint – in Anbetracht des wundervollen Sonnenuntergangs und der erwartungsvollen Stimmung besonders unter unseren neuen Gästen, die die Spätwirkung unserer geheimen Zutaten noch nicht kennen – um einen Euro pro Liter herauf.

Fazit:

Beim Hören eines gesprochenen Satzes muss eine Synchronisation zwischen Sender und Empfänger entstehen.

Diese kann gestört werden, wenn

Hinweis 1:

Es gibt auch eintrainierte Kommandos von Menschen an Tiere oder von Menschen an Menschen, die noch nicht zur Kommunikation zu zählen sind, obwohl sie eindeutig auch verstehendes Hören von Sprache sind. Das gibt es sogar auch zwischen Tieren, was aber nicht unter diese Sprach-Struktur-Betrachtungen fällt.

Hinweis 2:

Das Kurzzeitgedächtnis erlaubt auch ein retardiertes Verstehen von Sprache. Hat man es (z.B. durch aktives gemeinschaftliches Musizieren) trainiert, kann man die Frage eines Lehrers, obwohl man ganz offensichtlich nicht „zugehört“ hat, aus dem Gedächtnis abrufen und dann trotzdem richtig beantworten. (Hat meine Lehrer immer etwas geärgert, dass sie mich wieder nicht „erwischt“ hatten…)

 

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