0.1 Tonleiter und Quintenzirkel
Wir wachsen mit der „diatonischen Tonleiter“ der mitteleuropäischen Musikkultur auf. Selten haben wir Anlass, ihre Struktur zu hinterfragen – wir „fühlen“ sie aus Gewohnheit.
Für bewusstes Musizieren ist es aber von Vorteil, ihre inneren Zusammenhänge harmonisch und kontrapunktisch zu verstehen.
Dazu soll hier Hilfestellung geben werden. Wir machen es uns einfach und beginnen mit C-Dur (im Notenbild also ohne Vorzeichen und auf dem Klavier mit den weißen Tasten). Nun können wir diese Tonleiter unterschiedlich strukturieren, wie es in der ersten Notenzeile unten geschehen ist: Die C-Dur-Dreiklang-Töne C, E und G (Haupttöne der Tonleiter auf betonten Takt-teilen) sind i 2/4-Takt betont, die Durchgangstöne D, F, A und H sind auf unbetonten Taktteilen. Dann wechseln wir zum 3/4-Takt und erkennen zwei identisch aufgebaute Hälften der Tonleiter, nämlich erst zwei Ganztonschritte C-D und D-E und dann einen Halbtonschritt E-F und das Ganze dann wieder als G-A und A-H (Ganztonschritte) und H-C als Halbtonschritt. (Weder im Notenbild noch an den weißen Tasten des Klaviers ist zu erkennen, was Halbton- und was Ganztonschritte sind (beim Klavier weisen lediglich die dazwischen liegenden schwarzen Tasten auf Ganztonschritte hin, wenn man weiß, dass jede Nachbartaste auf dem Klavier unabhängig von der Tastenfarbe einen Halbtonschritt entfernt ist, so wie die Bünde auf dem Gitarrengriffbrett).
In der zweiten Zeile unten sind die Töne der C-Dur-Tonleiter anders geordnet und ergeben nun drei verschiedene Akkorde: Den C-Dur Dreiklang (plus Oktave), den F-Dur-Dreiklang (als Umkehrung) und den G-Dur-Dreiklang mit Septime als G7-Vierklang und somit schon eine ersten harmonische Klangfolge (Sequenz oder Kadenz): Tonika, Subdominante, Dominante, Tonika.
Das Beispiel rechts in der ersten Zeile ermöglicht eine weitere gedankliche Folgerung: Die strukturelle Gleichheit der beiden Tonleiter-Hälften ermöglicht ihre Fortsetzung nach rechts und links und führt zu einem erstaunlichen AHA-Effekt:
Wir erhalten alle Nachbarschaften von Tonarten, die zusammen schließlich den Quintenzirkel bilden: nach rechts kommt jeweils ein # hinzu, nach links ein b, so dass wir bei der Fortsetzung des oben angefangenen Noten-Schemas schließlich bei Fis-Dur=Ges-Dur bei jeweils 6# oder 6b den Quintenzirkel schließen können.
Damit ist das harmonische Grundgebäude fertig, auf dem alles weitere aufgebaut werden kann. Alle zwölf Töne sind gleichberechtigt und können jeder in drei Dur-Dreiklängen und drei Moll-Dreiklängen auftreten. C zum Beispiel in C-Dur (Prime), F-Dur (Quinte) und As-Dur (Terz) sowie in c-Moll, f-Moll und a-Moll. Nimmt man Vier- und Fünfklänge hinzu, erweitert sich das Schema gewaltig, und erst recht, wenn man dem C eine weitere Eigenschaft zugesteht, nämlich Leitton (oder auch Gleitton) zu sein, also einen Halbton vom Zielton entfernt zu sein. (Das „kriegen wir später“.)
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